Rhein-Neckar-Region

4. Fotofestival – The eye is a lonely hunter: Images of humankind

Peter Funch: Memory Lane, aus der Serie "Babel Tales", 2008; Foto: Courtesy V1 Gallery

Die ganze Menschheit soll es sein: Die Mammut-Schau in drei Städten zielt auf ein Porträt des gesamten Planeten. Das gelingt ihr triumphal mit klugem Konzept und souveräner Bild-Auswahl aus allen Kulturen.

The world is my oyster: Das 4. Fotofestival in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg will ein «Porträt der Menschheit im Jahr 2011» erstellen. Seine ehrgeizige Absicht verfolgt das «größte kuratierte Fotofestival Deutschlands» mit etlichen Superlativen: acht Ausstellungs-Orte in drei Städten, 56 Fotokünstler aus 32 Ländern und mehr als 1.000 Arbeiten. Das entspricht einem pro 7.000 Erdbewohner – keine schlechte Quote.

 

Info

4. Fotofestival –
The eye is a lonely hunter:
Images of humankind

 

10.09.2011 – 06.11.2011
täglich außer montags, meist 11 bis 18 Uhr
in Mannheim:
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4;
ZEPHYR der Reiss-Engelhorn-Museen, C 4;
Alter Meßplatz, Mannheim;

 

in Ludwigshafen:
Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Str. 23;
Kunstverein Ludwigshafen, Bismarckstr. 44 – 48;

 

in Heidelberg:
Heidelberger Kunstverein, Hauptstr. 97;
Sammlung Prinzhorn,
Voßstr. 2;
halle 02/ Kunsthalle, Güteramtstr. 2

 

Katalog 20 €

 

Website zur Ausstellung

Überraschend an diesem verwegenen Plan ist jedoch sein Ergebnis: Er geht auf. Beim Marathon durch die beteiligten Einrichtungen stellt sich tatsächlich eine Art Globalpanorama ein. Aus zahllosen Eindrücken setzt sich allmählich ein Mosaik zusammen, das einen Überblick über die Conditio humana zu Beginn des 21. Jahrhunderts ergibt.

 

Vereinte Nationen der Fotografie

 

Dass der Betrachter in den Bilderfluten nicht untergeht, ist den Kuratorinnen Katerina Gregos und Solvej Helweg Ovesen zu danken. Ihre souveräne Auswahl beruht auf drei Prinzipien. Erstens sind alle Aufnahmen in Themengruppen unterteilt, die deduktiv die Aufmerksamkeit vom Allgemeinen zum Besonderen lenken: von der Natur mit ihren Kreisläufen und Eingriffen des Menschen über die Gesellschaften mit ihren sozialen Rollen und Zwängen bis zum Dasein des Individuums.

 

Zweitens sind viele Fotografen in mehreren Abteilungen vertreten: Wiedererkennungs-Effekte sorgen für Orientierung. Schließlich kommen die gezeigten Werke aus allen Weltgegenden. Keine ist überrepräsentiert, keine bleibt unbeachtet; dennoch erschließen sich dem westlichen Blick alle Motive. Sie bilden gleichsam eine Foto-UNO.

 

Damit entgeht das seit 2005 alle zwei Jahre stattfindende Festival dem Vorwurf, durch eurozentrische Einseitigkeit die Wirklichkeit zu verzerren. Denen waren manche Vorläufer des titanischen Vorhabens ausgesetzt – etwa «The Family of Man». Die vom legendären Foto-Pionier Edward Steichen zusammengestellte Schau tourte ab 1961 um den Globus; rund neun Millionen Menschen sahen sie. Steichens Betonung des Allgemein-Menschlichen taten Kritiker jedoch als idealisierend und ahistorisch ab.

 

Impressionen aus dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen

 



 

Berglandschaft der Bauwut

 

Vom Fotofestival lässt sich das kaum behaupten. Im Gegenteil: Die meisten Beiträge fokussieren auf neuralgische Punkte, auf Probleme, Krisen und Konflikte. Ohne aber ihre ästhetischen Qualitäten zu leugnen: Das Schreckliche erscheint in betörend schönem Gewand.

 

Diese Paradoxie tritt deutlich im Wilhelm-Hack-Museum von Ludwigshafen hervor. «Ökologische Kreisläufe» heißt nüchtern die Abteilung, die mit atemberaubenden Schauwerten prunkt. Schon der Auftakt ist ein visueller Paukenschlag. Yang Yongliangs «Artificial Wonderland No.1» wirkt von weitem wie ein riesiges chinesisches Rollbild, das in traditioneller Tuschemalerei eine idyllische Berglandschaft wiedergibt. Sie entpuppt sich aus der Nähe als Collage aus Wolkenkratzern und Betonschluchten – ein monumentales Mahnmal der Bauwut.

 

Impressionen aus der Kunsthalle Mannheim

 



 

Beim Rundgang verfolgen den Besucher die lieblichen Klänge des «Frühlings» aus Vivaldis «Vier Jahreszeiten»: Ein Streichquintett spielt den Klassik-Evergreen am Rande der Müllhalde von Bischkek, der Hauptstadt Kirgisiens. Die surreale Szene halten Gulnara Kasmalieva und Muratbek Djumaliev auf Video fest – ein bizarrer Abgesang auf Kulturerbe, das während der «Diktatur des Proletariats» auch in mittelasiatischen Sowjet-Republiken gepflegt wurde, nun aber dem Verfall preisgegeben ist.

 

Piktorialismus mit Relikten des Kommunismus

 

Von säuselnden Melodien begleitet, betrachtet man indische Handlanger, die in Sweatshops oder Ziegel-Brennereien schuften; Ravi Agarwal lichtet sie in leuchtenden Farben ab. Die Bilderwelt von Nicu Ilfoveanu ist dagegen fahl an der Grenze zur Monochromie. Er nimmt Relikte des rumänischen Nationalkommunismus – Kombinate, Stromtrassen, Plattenbauten – mit einer antiquierten Box-Kamera in Langzeit-Belichtung auf: So entstehen zarte Kompositionen in delikaten Tönen, die an Gummidrucke des Piktorialismus erinnern.


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