Juliette Binoche

Die Liebesfälscher – Copie Conforme

Juliette Binoche in ihrem Antiquitäten-Laden; Foto: Alamode Filmverleih

(Kinostart: 13.10.) Szenen einer fiktiven Ehe: Statt zu flirten, streiten ein Essayist und seine Leserin wie 15 Jahre nach der Hochzeit. Abbas Kiarostami, Nestor des iranischen Autorenfilms, macht sein Kammerspiel zur Hommage an Juliette Binoche.

Anfangen, ohne loszulegen: Der Film beginnt mit einer akademischen Pause. James Miller, der über seinen preisgekrönten Essay-Band «Certified Copy» sprechen soll, lässt sein italienisches Publikum warten. Endlich erscheint er, entschuldigt sich mit schalen Scherzen und schwadroniert drauflos: über die unsinnige Wertschätzung des Originals und die Allgegenwart von Kopien. Die taugten häufig ebenso viel wie, sogar mehr als ihre Vorbilder – schließlich seien wir alle nur genetische Kopien unserer Vorfahren.

 

Info

Die Liebesfälscher – Copie Conforme

 

Regie: Abbas Kiarostami, Frankreich/Italien 2010, 103 min.;
mit: Juliette Binoche, William Shimell, Jean-Claude Carrière

 

Weitere Informationen

Lässig plaudernd und zugleich angestrengt um Prestige bemüht, mit hochmütig gerecktem Kinn oder betreten gesenktem Blick, die Hände meist in den Hosentaschen: William Shimell mimt formvollendet einen blasierten angelsächsischen Intellektuellen. Juliette Binoche hängt hingebungsvoll an seinen Lippen. Leider muss sie bald gehen, weil ihr pubertierender Sohn Hunger hat, doch zuvor steckt sie dem Übersetzer ihre Nummer zu.

 

Hotelzimmer der Hochzeitsnacht

 

Miller meldet sich, aber in ihrem Kellerloch von Antiquitäten-Laden will er nicht bleiben. Er fordert die Französin zur Landpartie durch die Toskana auf; sie chauffiert ihn zum nächsten Kleinstädtchen. Es ist Sonntag, fröhliche Hochzeits-Gesellschaften tummeln sich in den romantischen Gassen. Doch flirten mag der Schriftsteller nicht. Bald verbreitet er düstere Sentenzen über Einsamkeit und Tod, während Mama von Anrufen ihres Sohns gestört wird.

 

Im Café hält die Wirtin das Duo für ein seit 15 Jahren verheiratetes Paar. Beide gehen darauf ein: Anstelle charmanter Sottisen werfen sie sich nun gallige Spitzen zu, was den Spaziergang rasch zum Spießrutenlauf macht. Ihr Streit eskaliert im Restaurant. Bis Juliette zur Versöhnung James in ein Hotelzimmer lockt, in dem sie ihre gemeinsame Hochzeitsnacht verbracht haben will. Ihr Gurren nützt nichts: Der Gatte denkt nur an den Zug, den er am Abend nehmen muss.


Offizieller Film-Trailer


 

Szenen einer fiktiven Ehe im Zeitraffer: Seinen ersten Film im Ausland inszeniert Abbas Kiarostami, Grandseigneur des iranischen Autoren-Kinos, als verwirrendes Kammerspiel. Was ernst gemeint und was nur vorgetäuscht ist, bleibt unauflösbar in der Schwebe. Als sollten beide Protagonisten 100 Minuten lang die Ausgangsthese des Buch-Autors illustrieren.

 

Wobei Sparringspartner Shimell seinen Part als egozentrischer Bescheidwisser mit nervtötender Konsequenz durchhält: stets geistreich und arrogant, kultiviert und verklemmt. Dennoch würde das Rollenspiel mit Dialogen in drei Sprachen auf Dauer als allzu ausgeklügelte Denksport-Aufgabe langweilen, wäre da nicht Juliette Binoche.

 

Minutenlang nur Binoches Gesicht

 

Es ist ihr Film. Wie sie sämtliche Register ihrer Schauspielkunst zieht; wie sie während eines  Wortwechsels binnen Sekunden mehrmals ihren Ausdruck ändert; wie sie alle Regungen ihrer Mimik blitzschnell an die Situation anpasst; wie sich weibliche Gemütszustände von aufkeimender Verliebtheit einer auf den zweiten Frühling Hoffenden bis zur Angst vor dem Altern einer allein erziehenden Mutter in ihren Zügen spiegeln – daran kann man sich kaum satt sehen. Kiarostami tut gut daran, die Kamera minutenlang auf ihrem Gesicht ruhen zu lassen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Als Hommage an eine großartige Schauspielerin ist der Film eine Ode auf ihre Schönheit. Daneben verblasst alles andere. Wenn am Ende Binoche auf dem Hotelbett im Dämmerlicht über verpasstes Glück sinniert, vergisst man sogar den absurden deutschen Verleih-Titel: Wahre Liebe lässt sich nicht fälschen.


Diesen Artikel drucken