Laure Charpentier

Gigola

Chanson d' amour pour toujours: Im Cabaret "Chez Moune". Foto: Pro-Fun Media

(Kinostart: 6.10.) Paris 1962 an der Place Pigalle: Die piekfeine Gigola nimmt reiche alte Lesben aus. Regie-Debütantin Charpentier verfilmt ihre Jugendsünden – eine schrille Nummern-Revue ohne Esprit und Erotik.

Bubikopf, Herrenhemd mit Krawatte, Smoking mit Kummerbund und Gehstock mit silbernem Kobra-Kopf als Knauf – stets ist Gigola piekfein gekleidet. Lesben, die sich im Stil der Jahrhundertwende in Schale werfen, nennt man auf Französisch Dandizette oder Garçonne. Von etwa 1930 bis 1960 machten sie die Gegend an der Place Pigalle unsicher: das Nutten- und varieté-Viertel von Paris, in dem Gauner und Zuhälter den Ton angaben.

 

Info

 

Gigola

 

Regie: Laure Charpentier, 102 min., Frankreich 2010;
mit: Lou Douillon, Eduardo Noriega, Rossy de Palma

 

Franz. Website zum Film

 

Laure Charpentier war eine Garçonne. 1972 beschrieb sie ihr Leben im Roman «Gigola»: Er wurde wegen expliziter Sex-Szenen zensiert und erschien erst 30 Jahre später wieder. Seither hat Charpentier weitere 15 Bücher veröffentlicht. Alle kreisen um zwei Themengebiete: Alkoholismus bei Frauen und katholische Volksfrömmigkeit – beide offenbar autobiographisch gefärbt.

 

Kein Regisseur war gut genug

 

Die Beichte ihrer Jugendsünden sollte mehrmals verfilmt werden, doch sie lehnte alle Kandidaten für die Regie ab – darunter Volker Schlöndorff wegen «maskuliner Fantasien». Nun debütiert Charpentier selbst als Regisseurin; zudem hat sie das Drehbuch für «Gigola» verfasst.


 

So steif wie gestärkte Hemdkragen

 

Beides hätte sie besser Profis überlassen – weder beim Skript noch casting beweist die Autorin eine glückliche Hand. Die knabenhafte Lou Douillon in der Titelrolle wirkt mit Adlernase, Überbiss und Segelohren so sinnlich wie Charlotte Gainsbourg als Backfisch ohne Mimik. Gigola schlürft Bourbon wie Limonade und wirft mit 500-Franc-Scheinen um sich. Ihr Credo lautet: «Geld ist wie Blut, und Blut ist Leben» – eiskalt nimmt sie ältere Liebhaberinnen wie die steinreiche Odette aus.

 

Die bedankt sich für genossene Freuden mit Sätzen wie: «Meine Liebesbestie, was schulde ich Dir für diese erotische Glanzleistung?» Ähnlich papieren rascheln sämtliche Dialoge: Die Auf- und Abtritte im «Cabaret feminin chez Moune» geraten so steif wie die gestärkten Hemdkragen der Damen.

 

Zwischen Max Ophüls + Fassbinder

 

Zwar spielt die Handlung 1962, doch von der Aufbruchsstimmung der Nouvelle Vague findet sich keine Spur: Die plüschigen Interieurs und überfrachteten Arrangements erinnern eher an die Ausstattungs-Orgien eines Max Ophüls, bloß ohne dessen psychologisches Raffinement.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

In «Gigola» geistern Gestalten wie aus frühen Fassbinder-Filmen herum: Verkorkste Existenzen – bigotte Mutter, verkrachter Vater, haltloses call girl, pichelnde Schabracke – stürzen sich in wirre Kolportage-Konflikte, die nur mit Kopfschuss zu lösen sind. Oder Kinderkriegen: Damit schockiert Gigola ihre lesbische Nachtschwärmerinnen-Familie.

 

Milch trinken + Opium rauchen

 

Was ein schillernder Rückblick auf eine halb vergessene Spielart weiblicher Selbstdarstellung hätte werden können, wird zur schrillen Nummern-revue ohne einen Funken esprit. Genau die Sorte Pseudo-Softporno, die der französische Bezahl-Sender «Canal +» gern als erotische Einschlafhilfe um Mitternacht ausstrahlt. Kein Wunder, dass alle Film-Figuren sich dem Suff ergeben – bis auf Papa, der Milch trinkt und Opium raucht. Wohl bekomm’s!


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