Leander Haußmann

Hotel Lux

Letzte Zuflucht Roter Stern: Hans Zeisig wird von NKWD-Schergen gejagt. Foto: © 2011 Bavaria Pictures/ Tom Trambow

(Kinostart: 27.10.) Vom «Großen Diktator» über «Forrest Gump» zu «Das Leben ist schön»: Michael Bully Herbig wird als Hitlers Wahrsager zu Stalins Vertrautem. Diese Gulag-Komödie entstellt die Absurdität des Sowjet-Systems listig zur Kenntlichkeit.

Im Hotel Lux herrschte ewige «Sonnenfinsternis», wie sie Arthur Koestler 1940 in seinem gleichnamigen Bestseller beschrieben hat: Angst, Bespitzelung und Verrat vergifteten die Atmosphäre. Dort wurden Kommunisten aus aller Welt einquartiert, die nach Moskau geflohen waren – nach Hitlers Machtübernahme vor allem KPD-Kader.

 

Info

Hotel Lux

 

Regie: Leander Haußmann, 110 min., Deutschland 2011;
mit: Michael „Bully“ Herbig, Jürgen Vogel, Thekla Reuten, Valery Grishko

 

Offizielle Website

In langen, düsteren Fluren und stickigen Zimmern bereiteten sie die Weltrevolution vor – vom KGB-Vorgänger NKWD misstrauisch bewacht. Die mit Wanzen gespickte Massen-Herberge mutierte während der «Großen Säuberung» 1936/38 zum Wartesaal für Todeskandidaten: Um ihren Kopf zu retten, denunzierten sie sich gegenseitig als Agenten, Trotzkisten und sonstige Abweichler von Stalins Parteilinie. Es half ihnen wenig.

 

Jede Nacht holten NKWD-Schergen andere Genossen ab: Sie wurden massakriert oder verschwanden im Gulag. Im sowjetischen Exil sollen mehr KPD-Spitzenfunktionäre ums Leben gekommen sein als in Nazi-Deutschland. Das Hotel Lux war für seine 600 Langzeit-Gäste die Vorhölle auf Erden. Daraus machen Leander Haußmann und Michael „Bully“ Herbig eine fulminante Komödie.

 

Offizieller Video-Trailer

 



 

Man reibt sich die Augen: Ein Enfant-terrible-Regisseur, dessen letzte DDR-Klamotte «NVA» floppte, und der erfolgreichste deutsche Comedy-Star, sonst auf arglose Blödelei abonniert, arbeiten gemeinsam den Stalinismus auf. Der Aberwitz ist: Es funktioniert prächtig. Haußmann und Herbig finden genau den richtigen Tonfall, um der grauenhaften Geschichte mit Gelächter beizukommen.

 

 Zimmernachbar von Ulbricht und Wehner

 

Dazu erfinden sie den (jüdischen?) Komiker Hans Zeisig, der mit Hitler-Parodien à la Charlie Chaplins «Der große Diktator» glänzt. Die SA findet das gar nicht lustig; Zeisig muss fliehen. Da kein Weg nach Hollywood führt, weil gefälschte US-Papiere Mangelware sind, flüchtet er mit einem Sowjet-Pass ins Hotel Lux. Dort haust er als Zimmernachbar der Komintern-Führung: Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Georgi Dimitroff – und Herbert Wehner.

 

NKWD-Boss Nikolai Jeschow verwechselt Zeisig mit Hitlers Hof-Astrologen Hansen. Nun sucht auch Stalin (Valery Grishko) seinen Rat: Zeisig weissagt ihm enge Freundschaft mit dem Führer. Als NS-Außenminister von Ribbentrop inkognito nach Moskau kommt, um den Hitler-Stalin-Pakt zu unterzeichnen, zündet der Scherzbold seinen irrsten Gag. Zusammen mit seiner großen Liebe, der niederländischen Salon-Kommunistin Frida van Oorten (Thekla Reuten), und dem Varieté-Kumpel Meyer (Jürgen Vogel) kapert er die Regierungs-Maschine und fliegt gen Amerika.

 

 Verlauste Rattenburg mit Kinder-Killern

 

Wie vor 15 Jahren «Forrest Gump» schreibt Zeisig Weltgeschichte als reiner Tor. Und kommt damit ungeschoren durch – denn die Verhältnisse, in die er geraten ist, sind so wahnwitzig wie seine Einfälle. Wobei Regisseur Haußmann die Sowjetunion der 1930er Jahre detailgetreu rekonstruiert: Das Hotel Lux ist eine verlauste Rattenburg, in dem bereits die Kinder Hinrichtungs-Kommando spielen. Ohne Passierschein, russisch: «Propusk», kommt man weder rein noch raus.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension des Gulag-Films „Mitten im Sturm“ von Marleen Gorris

 

und hier eine Rezension des Films „The Way Back – Der lange Weg“ von Peter Weir über eine Flucht aus dem Gulag.

Die deutschen Exil-Kommunisten überbieten einander in Lobliedern auf Stalin, schlagen sich gegenseitig oder die Zeit tot: Walter Ulbricht (Axel Wandtke) probt schon mal den Mauer-Bau mit Zuckerwürfeln. Der schnauzbärtige Diktator lässt sich auf dem Klo von Zeisig die Karten lesen und erschießt nach jeder Audienz den Übersetzer – damit das Gespräch unter vier Augen bleibt.

 

Diesen Irrsinn macht Herbigs fein dosierter Witz erträglich. Wie Roberto Benigni in «Das Leben ist schön» kann er mit dem Entsetzlichen seine Späße treiben, weil sie in diesem Tollhaus nicht weiter auffallen – ohne bei seiner Gratwanderung ins Geschmacklose abzurutschen. Natürlich ist ein Komiker, der sich als Hitlers Sterndeuter ausgibt und den deutsch-russischen Nichtangriffs-Vertrag von 1939 einfädelt, völlig absurd. Aber war das nicht ebenso der ganze stalinistische Terror?


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