Erwin Wagenhofer

Black Brown White

Der ,Arzt ohne Grenzen’ wird unbeabsichtigt zum Fluchthelfer von Jackie. Foto: Allegro Film
(Kinostart: 3.11.) Ein Remake von Spielbergs «Duell» mit sozialem Gewissen: In seinem ersten Spielfilm beobachtet Doku-Regisseur Wagenhofer illegale Einwanderer auf ihrer Flucht im Truck durch die Wüsten Südspaniens.

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten: Erwin Wagenhofer ist eigentlich Dokumentarfilmer – mit einem unbestechlichen Blick für das Wesentliche. Seine brillanten Kino-Essays «We feed the world» (2005) und «Let’s make Money» (2008) über die Agrar- und Finanz-Industrie leuchten kommentarlos die Abgründe der beiden lebenswichtigsten Wirtschaftsbranchen aus.

 

Info

Black Brown White

 

Regie: Erwin Wagenhofer, Österreich 2011, 107 min.;
mit: Fritz Karl, Clare-Hope Ashitey, Wotan Wilke Möhring

 

Website zum Film

Mit «Black Brown White» hat der Regisseur seinen ersten Spielfilm gedreht: nicht über Dinge, die Menschenleben regieren oder ruinieren, sondern darüber, wie sich Menschen zu ihnen verhalten. Die Grundidee kam Wagenhofer, als er für «We feed the world» in Andalusien recherchierte – einer ausgedörrten Mondlandschaft voller Gewächshäuser. Durch diese Wüstenei rollen riesige LKW, um Obst und Gemüse nach Mitteleuropa zu karren.

 

Tomaten tarnen lebende Fracht

 

Oder illegale Einwanderer. Wie Don Pedro (Fritz Karl): Der dunkel gelockte Österreicher, schwarzes Schaf aus gutem Hause, transportiert Schwarzafrikaner in Hohlräumen seines Anhängers. Das bringt mehr ein als die Tonnen von Tomaten und Knoblauch, mit denen er seine lebende Fracht tarnt. Doch Jackie (Claire-Hope Ashitey) aus Ghana lässt sich nicht wie Vieh verstauen: Resolut nimmt sie mit ihrem kleinen Sohn Theo auf dem Beifahrersitz Platz.

 

Beide durchqueren die Straße von Gibraltar zwischen Marokko und Südspanien versteckt in einem Pkw der «Ärzte ohne Grenzen». Der blonde Doc (Wotan Wilke Möhring) staunt nicht schlecht, lässt sie aber ziehen. Brenzliger wird es, als der korrupte Kommissar Guiterrez (Francesc Garrido) die Flüchtlinge in einer Plantage aufspürt: Tricks bringen ihn vorerst zum Schweigen.

 

Offizieller Video-Trailer

 



 

Lakonisches Road-Movie, spröder Humor

 

Jackie will nach Genf, um Theos Vater zu suchen: Der UNO-Mitarbeiter hat ihr das Kind gemacht und sie anschließend sitzen lassen. Immerhin eine Patchwork-Familie, während Don Pedro einsam seine Kilometer zwischen Tanger und Wien schrubbt. Das Trio steigt in einer leer stehenden Ferienhaus-Geisterstadt ab, wo sich Brummi-Fahrer und allein erziehende Mutter näher kommen. Doch die Polizei hat sie im Visier: Am Ende klicken Handschellen.

 

Wagenhofer inszeniert diese Reise ins Ungewisse als lakonisches Road-Movie mit sprödem Humor. Ein moderner Neo-Western, der ihm in den ausgedörrt unwirtlichen Gegenden vorgeschwebt haben mag, wird daraus nicht. Dazu ist der Lauf der Ereignisse zwischen Tankstellen, Zollämtern und Autobahn-Raststätten zu vorhersehbar.

 

Trucks wie Lindwürmer in der Einöde

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Nichtsdestoweniger spannend: Wie für seine Dokus hat der Regisseur akribisch recherchiert und zeigt aberwitzige Details aus der Welt der Geld- und Warenströme. Zuweilen kommen seine Akteure etwas steif und die Dialoge so staubtrocken daher wie die Winde, die durch diese Wüstenlandschaft fegen.

 

Dafür entschädigen grandiose Aufnahmen von Trucks, die wie Lindwürmer durch eine Einöde aus Sand und Geröll kriechen. Als hätte Steven Spielberg aus seinem Debüt «Duell» von 1971 ein Remake mit sozialem Gewissen gemacht – oder das «Auslands-Journal» seine poetische Ader entdeckt.


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