Sean Penn + David Byrne

Cheyenne – This must be the place

Schlohweiß im Rampenlicht: David Byrne singt "This must be the place". Foto: Delphi

Erkennungsmelodie als musikalische Vergewaltigung

 

So verquer wie dieser Plot ist auch die Entstehungsgeschichte des Films. Regisseur Paolo Sorrentino erlebte 2008 mit «Il Divo» («Der Star») den internationalen Durchbruch: Seine kongeniale Biographie von Italiens langjährigem Mafioso-Regierungschef Giulio Andreotti erhielt in Cannes den Preis der Jury. Für Sorrentino offenbar eine Lizenz, wirre Fantasien umzusetzen. Jedenfalls ist ihm mit «Cheyenne» einer der bizarrsten Autorenfilme der Kinogeschichte gelungen.

 

Hier passt nichts zusammen – und alles gibt Rätsel auf. Warum macht sich Sean Penn, Hollywoods politisch korrektester Schauspieler, in dieser lächerlichen Hauptrolle zum Horst? Wieso wirkt David Byrne als er selbst mit, mimt einen alten Freund von Cheyenne und trägt den Talking-Heads-Klassiker «This must be the place» mit neuer Band-Besetzung vor? Warum wird dieser schlichte Song als Erkennungsmelodie missbraucht? Sie füllt in miserablen Cover-Versionen die Tonspur – eine musikalische Vergewaltigung nach der anderen.

 

Koketterie mit dem Nihilismus

 

Nimmt man zugunsten des Regisseurs an, dass er – anders als sein Anti-Held – seiner fünf Sinne noch mächtig ist, bleiben nur vage Mutmaßungen. Italiener hatten immer schon ein gestörtes Verhältnis zum Pop-Kosmos – und jubelten zweitklassige Interpreten wie Angelo Branduardi, Gianni Nannini und Eros Ramazotti zu Welt-Stars hoch.

 

Der 41-jährige Sorrentino hat in seiner Jugend «New Wave» offenkundig missverstanden: schrille Outfits, eiskalte Synthie-Sounds und No-Future-Attitüde waren nie Selbstzweck, sondern subversiv gedachter Protest gegen den Kommerz der Unterhaltungsindustrie. Post-Punks kokettierten nur mit dem Nihilismus – gleichsam als enttäuschte Hippies.

 

Nazi-Keule erdet abstruses Spektakel

 

Mit seiner Ballung von Kuriosa knüpft «Cheyenne» vermeintlich an das Œuvre von David Byrne an, etwa das Junk-Culture-Potpourri in «True Stories». Doch dessen lakonisch lächelnde Bubblegum-Bejahung war keine Einfaltspinselei, sondern clever kalkulierter Gestus – die Kunstfigur Popstar operierte mit Konzepten, die profunder Bildung entsprangen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Sorrentino muss hingegen die Nazi-Keule schwingen, um sein abstruses Spektakel zu erden. Anstelle von existentiellem Ernst verbreitet jedoch die plötzliche Einführung des Vater-Sohn-Konflikts eine peinlich moralinsaure Atmosphäre: Als hätte Quentin Tarantino das Licht gesehen und verkündete frohe Botschaften.

 

Augenpulver für Cheyenne-Klone

 

Diese geschmacksunsichere Bastelarbeit ist als Parodie auf eine Popkultur, die sinnentleert in Selbstzitate-Endlosschleifen kreist, völlig verunglückt – und als zeitgenössische Schuld-und-Sühne-Saga grotesk pietätlos. Wer außer Cheyenne-Klonen in der Wirklichkeit will diesen Quatsch im Kino sehen?


Diesen Artikel drucken