Cyril Tuschi

Der Fall Chodorkowski

Hinter tausend Stäben keine Welt: Michail Chodorkowski bei einem Gerichts-Termin in Tschita östlich des Baikal-Sees. Foto: Farbfilm-Verleih
(Kinostart: 17.11.) Wie der reichste Mann Russlands beim Kreml in Ungnade fiel und im Knast verschwand: Für seinen fesselnden Dokumentarfilm hat Regisseur Tuschi fünf Jahre lang recherchiert. Der spannendste Polit-Krimi unserer Zeit.

Kometenhafter Aufstieg und meteoritengleicher Fall: Michail Chodorkowski hat in wenigen Jahren ein Milliarden-Vermögen erworben – und im Oktober 2003 alles wieder verloren. Heute sitzt der ehemals reichste Mann Russlands wegen angeblicher Unterschlagung und Steuerhinterziehung im Gefängnis – mindestens bis 2016. Viele meinen, er werde niemals freigelassen, solange Wladimir Putin an der Macht ist.

 

Info

Der Fall Chodorkowski

 

Regie: Cyril Tuschi, 111 min., Deutschland 2011;

 

mit: Joschka Fischer, Jewgeni Soburow, Michail Chodorkowski

 

Weitere Informationen

Chodorkowski war nicht irgendeiner der Oligarchen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion mit Billigung der Regierung das Staatsvermögen unter sich aufteilten. Er wollte mehr, als nur Villen, Yachten und Fußball-Teams zusammenraffen.

 

Ab 2001 gab er riesige Summen für Schulen und andere Bildungseinrichtungen aus. Ebenso für Debattier-Clubs und die finanzschwachen Oppositions-Parteien im Parlament: Russland sollte aus einer anarchischen Räuberhöhle zu einem demokratischen Rechtsstaat mit starker Zivilgesellschaft werden.

 

Mit Export-Erlösen das Volk kontrollieren

 

Das missfiel Präsident Putin und seinen Getreuen. Chodorkowskis moderner Jukos-Ölkonzern und seine Spendierfreude untergruben die Machtbasis der neuen herrschenden Klasse: ihre Verfügungsgewalt über die Bodenschätze, mit deren Export-Erlösen sie das Volk durch ein Klientelsystem kontrolliert. Unter fadenscheinigen Vorwürfen wurden der Jukos-Boss und mehrere Top-Manager zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die übrigen flohen ins Ausland.

 

Offizieller Video-Trailer

 



 

Vom Supermacht-Bankrott zum Raubtier-Kapitalismus

 

Soweit die Kurzfassung des komplexesten Skandals im heutigen Russland. Doch der Dokumentarfilm von Cyril Tuschi erzählt wesentlich mehr. Anhand Chodorkowskis Werdegang erklärt er, wie aus den Ruinen einer bankrotten kommunistischen Supermacht der gegenwärtige Raubtier-Kapitalismus entstanden ist. Seine Hauptfigur steht exemplarisch für den Aberwitz dieser Entwicklung, die völlig chaotisch verlief.

 

Der unauffällige Chemiker und Volkswirt war clever genug, um den Tiger zu reiten. Mit 24 Jahren gründete er 1987 ein Marktforschungs-Institut, zwei Jahre später die Menatep-Bank. Die übernahm 1996 für 350 Millionen Dollar das hoch verschuldete Staatsunternehmen Jukos und krempelte es total um. 2003 war Jukos so profitabel, dass zwei US-Konzerne ein Viertel seiner Anteile kaufen wollten – für bis zu 20 Milliarden Dollar. Diesen Plan machte Chodorkowskis Verhaftung zunichte.


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