Eran Riklis

Die Reise des Personalmanagers

Fahrer und Vizekonsul verstauen den Sarg mit Yulias Leiche auf dem Dach des Kleinbusses. Foto: Alamode Film

(Kinostart: 1.12.) Der Weg ist das Ziel: Ein Israeli soll die Leiche einer Arbeiterin in ihre rumänische Heimat überführen. Aus seiner tragikomischen Dienstfahrt macht Regisseur Riklis eine herzergreifende Reise ans Ende der Nacht.

«We’re on a road to nowhere, come on inside», schmetterten die Talking Heads 1985 – und landeten damit ihren einzigen Welthit. Diesen Sirenenklängen folgt ein Vierteljahrhundert später der Personalmanager (Mark Ivanir) in Jerusalems größter Bäckerei: Seine Dienstfahrt führt ihn aus dem Nahen Osten in den hintersten Winkel des Balkans – und darüber hinaus.

 

Info

Die Reise des Personalmanagers –
The Human Resources Manager

 

Regie: Eran Riklis, 103 min., Israel/ Deutschland/ Frankreich/ Rumänien 2010;
mit: Mark Ivanir, Guri Alfi, Noah Silver

 

Website zum Film


Der Anlass ist so morbide wie plausibel. Die Hilfsarbeiterin Yulia, vor kurzem aus Rumänien eingewandert, fiel einem Terror-Attentat zum Opfer. In Israel hat sie keine Angehörigen, die sich um die Bestattung des Leichnams kümmern könnten. Also muss der Personalmanager ran – seine Chefin möchte schlechte Presse vermeiden.

 

Sarg auf dem Busdach

 

Missmutig macht sich der Held auf eine Reise ins Ungewisse über immer neue Hindernisse. Als sein Flugzeug mit Sarg-Fracht in Bukarest landet, stellt sich heraus: Yulias vermeintlicher Gatte darf den Empfang nicht quittieren, denn die Ehe war geschieden. Ebenso wenig ihr Sohn, ein auf der Straße lebender Trebegänger, weil er noch minderjährig ist.

 

Offizieller Video-Trailer

 



 

Also macht sich der Personalmanager auf die Suche nach Yulias Mutter; sie wohnt tausend Kilometer entfernt auf dem Land. In Begleitung einer zusammen gewürfelten Reisegruppe aus exaltierter Konsulin, öligem Vize-Konsul, räudigem Sohn und windigem Reporter, der eine Skandal-Story wittert (solche Typen nennt man im Presse-Jargon «Witwenschüttler»), steuert der Manager im schrottreifen Kleinbus mit beschwipstem Fahrer ohne Papiere die Karpaten an. Der Sarg wird auf dem Busdach vertäut.

 

Vormarsch im ausrangierten Panzer

 

Natürlich geht schief, was schief gehen kann. Den Schluckspecht-Chauffeur zieht die Polizei aus dem Verkehr; der Personalmanager übernimmt das Lenkrad. Ein Schneesturm zwingt die gemischte Gesellschaft auf einen alten Armee-Stützpunkt; dort gereichte Verpflegung legt den Manager flach. Dann gibt der Bus seinen Geist auf; in einem ausrangierten Panzer geht der Vormarsch weiter. Bis die Chaos-Truppe endlich im Mutter-Dorf ankommt – wo ihre Mission keineswegs endet.

 

Beim Festival in Locarno 2010 erhielt «Die Reise des Personalmanagers» den Publikumspreis. Auf die Frage nach seiner Motivation antwortete Regisseur Eran Riklis lächelnd, er habe unbedingt einen Film drehen wollen, dessen Original-Titel «The Human Resources Manager» lautet. In der Tat ein Zauberwort: so alltäglich absurd wie der gesamte Plot.

 

Unklares Ressourcen-Management

 

Wobei unklar bleibt, welche Ressourcen der Held eigentlich managt: Yulias ordnungsgemäße Beisetzung? Die Durchsetzung moderner Effizienz in einem Kuddelmuddel aus Inkompetenz, Schlamperei und Fatalismus? Das Zurechtrücken eigener Maßstäbe, als der Israeli aus hektischem Großbetrieb und problematischem Privatleben in die archaische Ruhe des ländlichen Rumäniens gerät? Oder am Ende gar seinen eigenen Seelenfrieden?

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen kultiversum-Bericht über die Preisträger des Filmfestivals in Locarno 2010.


Darauf gibt Regisseur Riklis keine Antwort. Anders als in seinen auch hierzulande erfolgreichen Nahost-Konflikt-Melodramen «Die syrische Braut» (2004) und «Lemon Tree» (2008) verlässt ihn in den Tiefen des Balkans jede Gewissheit.

 

Der Regisseur vertraut sich ganz seinem schrägen Personal und dem Spiel der Wechselfälle an. Bei aller Skurrilität und Situationskomik wirkt sein road movie nie konstruiert, sondern stets hyper-realistisch – wie jeder weiß, der schon die obskuren Weiten Osteuropas durchstreift hat. So wird der Toten-Trip des Personalmanagers zu einer herzergreifenden Reise ans Ende der Nacht.


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