Berlin

Heimatkunde

Maziar Moradi, aus der Serie »Ich werde deutsch«, 2008-2011; Foto: © Maziar Moradi

Das Jüdische Museum Berlin feiert seinen 10. Geburtstag mit einem Überblick über Lebensgefühle in deutschen Landen. Polemisch, satirisch oder verspielt – bis hin zu einem jüdischen Staat in Thüringen.

Heimatkunde – das klingt nach Grundschul-Unterricht. Nach Wandertagen in den heimischen Wäldern, nach Kennenlernen von Bäumen und Blumen, nach Besichtigen von Sehenswürdigkeiten am Geburtsort. Eine behagliche Lektion aus Kindertagen.

 

Info

Heimatkunde – 30 Künstler blicken auf Deutschland

 

16.09.2011 – 29.01.2012
täglich 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr im Jüdischen Museum, Lindenstr. 9 – 14, Berlin

 

Katalog 24,90 €

 

Website zur Ausstellung

So tauft auch das Jüdische Museum Berlin (JMB) seine Jubiläums-Ausstellung zum 10-jährigen Bestehen. Wobei es auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken kann, die in der deutschen Kulturlandschaft einzigartig dasteht: Mehr als sieben Millionen Besucher in einer Dekade, Tendenz steigend – allein 2010 kamen rund eine dreiviertel Million. Das JMB zählt zu den stärksten Publikumsmagneten unter deutschen Museen.

 

Zahlenmystik und New-York-No-Wave

 

Davon hätte Gründungsdirektor Michael Blumenthal vor zehn Jahren wohl kaum zu träumen gewagt. Bei der Eröffnung 2001 wurde das exzentrische Gebäude von Star-Architekt Daniel Libeskind noch kritisch beäugt. Mit gezacktem Grundriss, stählerner Fassade, schrägen Fenster-Schlitzen und leeren «Void»-Kammern, die an die Shoah erinnern sollen, wirkte wie es wie ein städtebauliches Ausrufezeichen ohne Inhalt. Wie sollte dieses Haus ohne historische Judaica-Sammlung sinnvoll gefüllt werden?

 

Die Skepsis ist gewichen: Blumenthals US-Pragmatismus hat das JMB in Berlin fest etabliert. Es zeigt in seiner Dauerausstellung einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Judentums in Deutschland – wo Originale fehlen, behilft es sich mit Faksimile. Mittlerweile mehr als 60 Sonderausstellungen haben hierzulande das Verständnis von jüdischer Kultur enorm erweitert: Parfümöre- und Bronzegießer-Dynastien, Speisevorschriften und Zahlenmystik, selbst die Free-Jazz- und No-Wave-Szene von New York – all das ist jüdisch.

 

Interview mit Kuratorin Inka Bertz und Impressionen der Ausstellung

 



 

Zugleich sucht das Museum thematisch stets Anschluss an die übrige Gesellschaft. Wie mit der Heimatkunde-Schau: Sie liefert weder eine Nabelschau des mosaischen Glaubens, noch kocht sie die Leitkultur-Debatte der 1990er Jahre wieder auf, sondern inszeniert eine Selbstbefragung der multikulturellen Einwanderungs-Gesellschaft Bundesrepublik.

 

Herschel und Gretel grüßen

 

30 Künstler zeigen 26 Arbeiten zum Heimat-Begriff – alle Werke sind in den letzten zehn Jahren entstanden. Sie lassen sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen: Ansätze, Techniken und Perspektiven sind so radikal verschieden, wie es sich für ein 80-Millionen-Volk in der Mitte Europas geziemt. Vom ironischen Spiel mit Klischees über Spurensuche und Privat-Mythologie bis zu Agitprop ist ziemlich jede Haltung vertreten, die man gegenüber der Lebenswelt einnehmen kann.

 

Am Eingang begrüßen zwei mannshohe Spielfiguren von Victor Kégli die Passanten. «Herschel und Gretel» sind ein orthodoxer Jude und eine treudeutsche Maid wie aus dem Bilderbuch: Nach Einwurf einer Münze verbeugen sie sich voreinander. Hoffnungslos antiquiert wirkt das im Vergleich zum «Archiv der Populärkulturen», wo allerhand Treibgut des Alltags versammelt ist.


Seite 1 Seite 2
Diesen Artikel drucken