Berlin

Stiller Widerstand. Russischer Piktorialismus 1900 – 1930

Leonid Schokin: Flachstrocknung (Detail), 1930er Jahre, Foto: ohe
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Die Hängung folgt nur einem erkennbaren Prinzip: Fotografen, Sujets und Jahrzehnte in bunter Reihe durcheinander. Dabei setzt die Ausstellung mit der Spätphase des russischen Piktorialismus ein, was ihr erlaubt, zu Beginn prall gekurvte Nackedeis vorzuführen. Die Anfänge werden dagegen in die hinterste Ecke verbannt.

 

Tschechows verschwundene Welt

 

Es lohnt, den Rundgang dort zu starten. An frühen Aufnahmen von Andrej Karelin und Alexej Masurin aus den 1880/90er Jahren beeindrucken Motive wie aus der Belle Epoque in Westeuropa: Lesende Mädchen in Rüschenkleidern, elegante Damen beim Spaziergang, elegische Natur-Ansichten. Es ist die verschwundene Welt des russischen Bürgertums wie in Werken von Turgenjew oder Tschechow, die hier noch einmal aufscheint.

 

Daneben Studien von Typen aus dem gemeinen Volk, die sich stilistisch an den mitfühlenden Realismus des Malers Ilja Repin anlehnen: Ausgemergelte Elends-Gestalten, in Lumpen gehüllt vor kargen Katen. Und eine verblüffende Kontinuität: Leonid Schokin lichtete 1930 bis 1940 mit Flachs hantierende Bäuerinnen in Haltungen ab, wie sie um 1860 auf Gemälden der Schule von Barbizon – etwa von Jean-François Millet – zu finden sind.

 

Vergangenheit aufbewahren

 

Nikolai Andrejew, der 1918 einen deutschen Gesandten in Moskau erschossen hatte, gab vergleichbaren Bildern 1930 revolutionäre Titel wie «Aufgaben der Landwirtschaft». Es half nichts: Solche Darstellungen ländlicher Mühsal waren der KP-Zensur nicht optimistisch genug. Der Sozialistische Realismus wollte futuristisch sein – und die Verhältnisse zeigen, wie sie sein sollten. Den Piktorialisten blieb nur der Rückzug ins Verfallende.

 

«Vergangenheit aufbewahren» heißt programmatisch ein Bromöl-Druck von Nikolai Swischtschow-Paola aus den 1920ern: Zu sehen ist ein steinerner Löwe vor Säulen-Stümpfen. Romantische Ruinen-Ästhetik mit Spolien, Toren oder Kuppeln bestimmte etliche Aufnahmen von Alexander Grinberg oder Petr Klepikow – wie das Plakat-Motiv von Schokin: Einsamer Matrose blickt auf Kirchendach am anderen Wolga-Ufer.

 

Reine Anschauung ist blind

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension der Schau “KunstFotografie – Emanzipation eines Mediums” über Piktorialismus weltweit im Kupferstich-Kabinett, Dresden

 

und hier eine Besprechung des Bildbandes “Die vollkommene Fotografie” mit Werken des Piktorialisten Heinrich Kühn.

 

Die jüngste Werkgruppe bilden Fotos aus Bühne und Varieté: Diven, Tänzer und Schauspieler, grell geschminkt wie Stummfilm-Stars in outriert heroischen Posen. Der Tingeltangel-Look der Zwischenkriegszeit war weltumspannend; eine russische Note zeigt sich in besonders plüschigen Arrangements. Dass der Konstruktivist Alexander Rodtschenko sich Ende der 1930er Jahre gleichfalls zum Piktorialismus bekannte, wie ein paar Theater-Szenen belegen sollen, erscheint indes weit hergeholt.

 

So lockt die Schau mit Einblicken ins Unbekannte und verweigert zugleich jede Erklärung. Doch reine Anschauung ist blind. Da wäre noch viel Forschung nötig, um das durch KP-Propaganda verzerrte Bild von Fotografie in der Stalin-Ära zu korrigieren. Dazu trägt die Ausstellung nichts bei, außer Material auszubreiten; dafür hat Frau Sviblova keinen Preis verdient.


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