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Mohammad Rasoulof in Berlin. Foto: ohe

Filme im Gefängnis machen


Als Freund und Kollege des zeitweise inhaftierten Regisseurs Jafar Panahi hat Rasoulof Probleme mit der Justiz: Er wurde 2010 im Iran zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dennoch gelang es ihm, seinen Film «Good bye» in Berlin zu zeigen. Ein Gespräch.


(A.d.R.: Mohammad Rasoulof ist Kollege und enger Freund von Regisseur Jafar Panahi; der musste als Jury-Mitglied der Berlinale 2011 fernbleiben, weil er eingesperrt war. Im Mai gewann Rasoulofs jüngster Film in Cannes in der Reihe «Un certain regard» den Regiepreis.

 

«Good bye» porträtiert die junge Rechtsanwältin Nura: Sie verlor ihre Zulassung, weil sie politische Mandate vertreten hat. Ihr Mann musste Teheran verlassen und ruft nur gelegentlich an. Nura ist schwanger und beschafft sich mit Bestechung ein Visum, um auszuwandern – was ihr nicht gelingt. «Good bye» wurde Anfang Dezember auf dem Berliner Festival «Around the World in 14 Films» in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt; er verhandelt zurzeit mit einem deutschen Verleih.)

 

Farsi durch die Blume sprechen

 

Der Original-Titel Ihres Films lautet «Bé omid é didar», wörtlich übersetzt: «Ich hoffe, Dich wieder zu sehen». Auf Englisch heißt er jedoch «Good bye», also «Tschüss». Warum?

 

Unsere Kultur ist ziemlich vieldeutig; man spricht gern durch die Blume. Obwohl diese Abschiedsformel auf Farsi wörtlich lautet: «Ich hoffe, dass ich Dich wieder sehe», hat sie die gleiche Bedeutung wie «Auf Wiedersehen» oder «Tschüss».

 

Info

Good Bye -
Bé omid é didar

 

Regie: Mohammad Rasoulof, Iran 2011, 104 min.;
mit: Leyla Zareh, Hassan Pourshirazi, Behname Tashakor

 

Kino-Start in Deutschland steht noch nicht fest

 

Weitere Informationen

Nicht symbolisch gemeint

 

Ihr Film porträtiert eine sehr einsame und isolierte Frau in Teheran – trotz eines Besuchs ihrer Mutter. Ihr Ehemann, früher Journalist, arbeitet jetzt als Kranfahrer in der Wüste und ist telefonisch unerreichbar.

 

Die Frau will emigrieren und erlebt bei ihren Vorbereitungen etliche Schikanen durch staatliche Organe. Inwieweit zeigt das die momentane Lage iranischer Intellektueller, die gegenüber dem Regime kritisch eingestellt sind?

 

Mein Film informiert nicht, sondern erzählt ein einzelnes menschliches Schicksal. Die Protagonistin erlebt ihre ganz persönliche Geschichte. Ihr Wunsch, den Iran zu verlassen, ist durch ihren Beruf und den ihres Mannes bedingt.

 

So geht es beileibe nicht allen Iranern, aber manche Momente des Films haben andere Menschen mit der Hauptfigur gemeinsam. Wir sollten sie dennoch nicht verallgemeinern. Das Leben der Protagonistin Nura ist nicht symbolisch gemeint. Ihre eigene Geschichte spiegelt nur Momente im Leben anderer Menschen wieder.

 

Inkognito-Hausdurchsuchung

 

Die Kontakte der Hauptfigur mit der Staatsmacht sind äußerst unerfreulich. Deren Vertreter steigen inkognito zu Nura in den Aufzug und durchsuchen ihre Wohnung. Sie nehmen ihren Computer und andere Gegenstände ohne Begründung mit; zuvor wurde bereits ihr Satelliten-TV-Empfänger konfisziert.

 

Derlei hat man in Westeuropa letztmalig vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt, in Osteuropa bis 1989. Was halten die Zensur-Instanzen im Iran davon?

 

Filmprojekte müssen im Iran zwei Mal von der Zensur genehmigt werden: zuerst das Drehbuch, dann die fertige Fassung des Films. Die zweite Hürde hat «Good Bye» noch nicht genommen. Doch das zweistufige Verfahren erlaubt mir, der Zensur ein harmloses Drehbuch vorzulegen und anschließend den Film nach meinen Vorstellungen zu drehen.

 

Als unabhängiger Filmemacher habe ich Geduld und unterliege kaum Zwängen. Mir sitzen keine Geldgeber im Nacken, die den Film so rasch wie möglich durch die Zensur bekommen wollen. Ich finanziere meine Filme selbst und drehe stets mit sehr niedrigem Budget.

 

Offizieller Film-Trailer von «Good Bye»

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Film-Transport auf USB-Stick

 

Nichtsdestoweniger soll der Film sein Publikum erreichen. Welches Ergebnis erwarten Sie im laufenden Zensur-Verfahren? Und wie haben Sie «Good Bye» ins Ausland gebracht, so dass der Film auf Festivals gezeigt werden kann – zuerst in Cannes, danach in Hamburg und nun in Berlin?

 

Heutzutage ist es nicht mehr schwierig, einen Film außer Landes zu bringen. Dank moderner Technologie kann man den gesamten Film auf einem einzigen USB-Stick überallhin transportieren. Sobald der Film im Ausland gezeigt wird, tauchen bald Kopien im Internet auf, so dass ihn auch Menschen im Iran sehen können – zumindest derjenige Teil des iranischen Publikums, der sich für solche Filme interessiert.

 

Einfach weiter Filme machen

 

Sie sprechen von der De-facto-Verbreitung des Films. Wie sieht es mit den rechtlichen Aspekten aus?

 

Wenn man im Iran Filme ohne Genehmigung vorführt, kann das rechtliche Konsequenzen haben. Dass «Good Bye» in meiner Heimat derzeit nicht gezeigt werden kann, kümmert mich wenig; ich mache einfach weiter meine Filme.

 

Könnte die Verbreitung dieses Films Einfluss auf das schwebende Justiz-Verfahren haben, in das Sie derzeit verwickelt sind?

 

Wenn ich stets das Schlimmste befürchtete, würde mich das lähmen, und ich könnte meine Tätigkeit nicht fortsetzen. Ich versuche, mich auf meine Arbeit als Filmemacher zu konzentrieren.

Mohammad Rasoulof

 

Problem wie überall auf der Welt

 

«Good Bye» wirkt auf westliche Betrachter nicht apolitisch: Das gegenwärtige Teheran erweckt den Anschein, als herrsche dort ein totalitäres Regime. Könnte diese Darstellung die Behörden zusätzlich provozieren?

 

 

Audio-Auszug des Interviews auf Farsi

Das glaube ich kaum. Ich will mit meinem Film keine politische Aussage abgeben, sondern das Leben um mich herum darstellen. Mein Film ist nicht politisch zu verstehen.

 

Die Szenen der Hausdurchsuchung erinnern deutsche Zuschauer zwangsläufig an die Gestapo oder Stasi.

 

Der Film behandelt ein allgemein menschliches Problem, wie es überall auf der Welt auftreten kann. Die Handlung ist nicht an einem konkreten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt angesiedelt.

 

Verurteilung aus der Presse erfahren

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht von Spiegel Online über Rasoulofs Auftritt in Cannes

 

und hier einen Beitrag im Hamburger Abendblatt über seine Teilnahme am Filmfest Hamburg

 

und hier eine Besprechung des Berlinale-Gewinners 2011 "Nader und Simin - eine Trennung" von Ashgar Farhadi.

 

Sprechen wir von Ihrer Person: Sie wurden im März 2010 verhaftet und im Sommer gegen Kaution freigelassen. Im Dezember wurden Sie in einem Prozess in erster Instanz verurteilt. Wie ist Ihre aktuelle rechtliche Lage?

 

Im Dezember 2010 hat mich das Gericht zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Die zweite Instanz hat einen Anklagepunkt fallen gelassen und das Strafmaß auf ein Jahr Gefängnis reduziert. Davon habe ich erst im vergangenen Monat aus der Presse erfahren, da gegen mich in Abwesenheit verhandelt wurde. Nun warte ich darauf, dass dieses Urteil vollstreckt wird.

 

Drehbuch im Kopf

 

Wollen Sie nicht weiter auf dem Rechtsweg gegen Ihre Verurteilung vorgehen?

 

Wohin soll ich mich wenden, um dagegen Berufung einzulegen? Im Iran muss man seine Gefängnisstrafe erst antreten, bevor man eine Revision beantragen kann. Das habe ich aber nicht vor. Filme kann man auch im Gefängnis machen, selbst wenn man weder Papier noch Bleistift zur Verfügung hat. Das Drehbuch zu «Good Bye» ist zum großen Teil in meinem Kopf entstanden, während ich inhaftiert war.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 06.12.2011





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