Stefan Paul

Hotel Deutschland 2

Dem Selbstdarstellör ist nichts zu schwör: Wolfgang Krause Zwieback (WKZ) vor einem Bronzeguss von Stella Hambach im Albertinum Dresden. Foto: Arsenal Filmverleih
(Kinostart: 15.12.) Kunst-Doku aus Leipzig: Filmverleiher Paul und Selbstdarsteller Wolfgang Krause klappern ihre Kreativ-Kumpels ab. Nach dieser Schülerzeitung fürs Kino wünscht man sich den antifaschistischen Schutzwall zurück.

Wiedergänger aus der Wendezeit: 1989/90 drehte Stefan Paul, gebürtiger Leipziger und Geschäftsführer des Tübinger «Arsenal Filmverleih», gemeinsam mit dem selbst ernannten «Sprachkünstler» Wolfgang Krause «Zwieback» (WKZ) eine Doku über die Subkultur in Leipzig. Es war die Zeit von DDR-Punk und Montags-Demonstrationen – Revolution lag in der Luft. Den Ausnahmezustand hielt das Duo filmisch in «Hotel Deutschland» fest; so hieß in den 1930er Jahren ihr Leipziger «Inter-Hotel».

Info

Hotel Deutschland 2

 

Regie: Stefan Paul, Deutschland 2012, 90 min.;
mit: Wolfgang Krause «Zwieback», Gerd Harry Lybke, Heiner Kondschak + die «Randgruppencombo»

 

Weitere Informationen


Zwei Jahrzehnte später sind die Beiden erneut unterwegs. Vollmundig versprechen sie einen «wilden Ritt durch die Kunstszenen der Neuen Länder», doch sie zurren ihre Gäule in Leipzig fest – mit kurzen Abstechern nach Dresden, Berlin und ins «Lügenmuseum» nach Gantikow. Dort bastelte Betreiber Reinhard Zabka an psychedelischen Effektmaschinen, die in Großstädten keiner haben wollte. Seit Herbst 2010 ist das Museum geschlossen.

 

Dagegen blühen die Künste in Leipzig. Hier hat der geschäftstüchtige Gerd Harry Lybke mit seiner Galerie «Eigen + Art» die «Neue Leipziger Schule» zu einem hochpreisigen Markenartikel aufgebaut: Maler wie Neo Rauch oder Thilo Baumgärtel sind international gefragte Stars. Sie residieren in der «Leipziger Baumwollspinnerei», einem Kunst-Kollektiv mit 80 Mitgliedern.

 

Offizieller Film-Trailer


 

Vollblut-Bohemien immer im Bild

 

Solche banalen Fakten werden in «Hotel Deutschland 2» als bekannt vorausgesetzt. Stattdessen montiert der Regisseur Schnipsel aus alten DDR-Wochenschauen und DEFA-Filmen, selbst gedrehtes Material von 1989/90, Impressionen von heute und Soundbites diverser Interview-Partner zu einem wirren Kaleidoskop, dessen Szenenfolge völlig beliebig wirkt. Meist bleibt unklar, wo der Film gerade ist, wer spricht – und was das Ganze soll.

 

Zusammengehalten wird die Bilderflut nur vom Selbstdarsteller WKZ: Als reiner Tor stolpert er mit großen Augen und irrem Lachen durch Kunstgalerien, Museen und Straßenzüge. Gern verfällt er in pantomimische Posen, umarmt alte Kumpels oder schmiert Menschen Schminke ins Gesicht. So spontan, heiter und neugierig kann nur ein Vollblut-Bohemien sein. Hauptsache, er ist immer im Bild.

 

Wim Wenders kann nicht mehr einkaufen

 

Wenn er nicht geduldig Gesprächspartnern lauscht. Wim Wenders beschwert sich, er könne in der Nachbarschaft nicht mehr einkaufen, weil alle Läden von Galerien verdrängt würden. Arno Rink beklagt, das Malen falle ihm mit zunehmendem Alter schwerer. Die Modemacherin Silke Wagner erinnert sich, sie habe ihre erste «Rocker-Jacke» aus Omas Regenmantel geschneidert. Was Leute eben schwatzen, wenn man ihnen ein Mikro hinhält.

Hintergrund

Weitere Film-Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen kultiversum-Bericht über die Buchvorstellung einer Monographie zum Gesamtwerk von Neo Rauch

 

und hier eine Besprechung der Neo-Rauch-Retrospektive «Begleiter» im Museum der bildenden Künste, Leipzig.


Diese sinnfreie Schülerzeitung für die Leinwand gibt Rätsel auf. Was haben Paul und WKZ in den letzten 20 Jahren getrieben? Zuviel «Goldkrone»-Weinbrand gebechert? Puppentheater in der Karpato-Ukraine gespielt? Oder nur den Songs des DDR-Liedermachers Gerhard Gundermann gelauscht? Für den Regisseur offenbar der Gipfel der Tonkunst: Sein Œuvre darf der Tübinger Alt-Hippie Heiner Kondschak mit seiner «Randgruppencombo» auf großer Bühne quälend lange intonieren.

 

Mauer gegen Mumpitz-Machwerke

 

Gäbe es den Arbeiter- und Bauernstaat noch, würden die Filme-Macher sofort in den Braunkohle-Tagebau abkommandiert, damit sie sich in der Produktion bewähren. Doch in der freien Bundesrepublik ist jeder Mumpitz gestattet. Da wünscht man sich glatt den antifaschistischen Schutzwall zurück – damit der absterbende Kapitalismus von solchen Machwerken verschont bleibt.


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