Cary Fukunaga

Jane Eyre

Wie eine Erscheinung aus der Gespenster-Welt: Jane Eyre im Nebel. Foto: Tobis
(Kinostart: 1.12.) Charlotte Brontës Roman-Klassiker über den Aufstieg eines Waisen-Mädchens in zeitlos schönem Gewand: «Sin Nombre»- Regisseur Fukunaga rekonstruiert formvollendet England im frühen 19. Jahrhundert.

Novembernebel für eine neue Generation: 18 Mal ist «Jane Eyre» von Charlotte Brontë schon für die Leinwand verfilmt worden, neun verschiedene TV-Fassungen flimmerten über die Bildschirme. Doch Regisseur Cary Fukunaga findet für die klassische englische gothic novel von 1847 zeitlos schöne Bilder – mindestens bis zur nächsten Kino-Adaption.

 

Info

Jane Eyre

 

Regie: Cary Fukunaga, 120 min., Großbritannien 2011;
mit: Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Judi Dench

 

Website zum Film

Dafür rekonstruiert der Kalifornier japanischer Abstammung liebevoll die britische Kultur im frühen 19. Jahrhundert bis ins letzte Detail. Alles stimmt: Die elegant-unpraktischen Kleider – oben Korsett, unten Glockenrock – für die Damen sind von Hand genäht, ihre Häubchen mit feinster Spitze besetzt.

 

Spuk-Schloss im Kerzenschein

 

Das Herrenhaus Thornfield – gedreht wurde in Haddon Hall, Derbyshire – ist ein rechtes Spuk-Schloss, dessen düstere Säle und Gänge flackernde Funzeln und Kaminfeuer in gespenstisches Gelblicht tauchen. Über die raue Natur jagen opake Nebelschwaden, die schreckliche Geheimnisse verbergen.


Offizieller Film-Trailer


 

Die Regency-Ära prägte eine verschwendungssüchtige Oberschicht, der Standesdünkel und Etikette über alles gingen. Oder die sich ausschweifend darüber hinweg setzte wie Mr. Rochester, der Hausherr von Thornfield: brillant gespielt von Michael Fassbender, der im Kino zurzeit auch als C.G. Jung in «Eine dunkle Begierde» von David Cronenberg glänzt. Diesem Roué traut man jederzeit zu, gemeinsam mit Lord Byron ein Opium-Pfeifchen zu schmauchen.

 

Irrsinnige lässt Hochzeit platzen

 

Doch das ruhige Landleben nach den Napoleonischen Kriegen war trügerisch: Industrialisierung und wachsende Arbeiter-Klasse untergruben die dekadente Feudal-Gesellschaft. Dafür steht die Heldin: Das Waisenkind wird von seiner grausamen Tante in ein freudloses Internat abgeschoben. Dort erwirbt die fleißige und disziplinierte Jane Eyre höhere Bildung und bekommt eine Stellung als Gouvernante in Thornfield.

 

Dessen Haushälterin Mrs. Fairfax (Judi Dench) ist gütig wie eine Ersatz-Mutter zu ihr. Dagegen zeigt sich Mr. Rochester anfangs spröde, bis ihn Janes offenherzige Charakterstärke betört – spätestens, als sie ihm bei einem Brand das Leben rettet. Doch ihre eilends arrangierte Hochzeit platzt, weil in der Dachkammer von Thornfield eine irrsinnige Nebenbuhlerin wütet.

 

Unaufdringliche Schauer-Symbolik

 

Rasend vor Schmerz flieht Jane Eyre zum Pfarrer St. John Rivers und seinen Schwestern: Er verschafft ihr einen Job als Dorfschul-Lehrerin. Der Rest sind überraschend enthüllte Verwandschafts-Verhältnisse, eine Erbschaft aus heiterem Himmel und späte Versöhnung.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Eine dunkle Begierde" von David Cronenberg mit Michael Fassbender als C.G. Jung.

 

und hier einen Beitrag über den Film "Restless" von Gus van Sant mit Mia Wasikowska in der Hauptrolle

 

und hier einen kultiversum-Rückblick auf Cary Fukunagas Debüt-Film "Sin Nombre".

Aus dieser proto-feministischen Aufsteigerinnen-Story macht der Regisseur ein packendes Psycho-Drama. Ihm gelingt die Gratwanderung zwischen Schauerromantik und ergreifender Liebesgeschichte, indem er beides völlig ernst nimmt. So illustrieren dunkle Gemäuer und peitschende Regenschauer trefflich Janes Seelenqualen und Schicksals-Schläge, ohne sie durch aufdringliche Symbolik ins Lächerliche zu ziehen.

 

Besseres Vorbild als It-Girls

 

Damit kennt sich Fukunaga aus: Sein international beachteter Debütfilm «Sin Nombre» begleitete 2009 den Leidensweg einer jungen Latina durch die Hölle südamerikanischer dealer gangs. Der verfolgten, aber lebensklugen Unschuld verleiht diesmal Mia Wasikowska ihr makelloses Antlitz.

 

Selbstbewusst und unbeirrbar folgt sie den Stimmen ihres Herzens und ihrer Vernunft. Ein besseres Vorbild für die Alpha-Mädchen unserer Tage als die It-Girls aus den Klatsch-Magazinen – in prachtvoller, doch niemals überladener Ausstattung.


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