Meltem Cumbul

Labirent

Schöne Aussichten: Reyhan (Meltem Cumbul) observiert mit Tele-Objektiv bei strahlendem Sonnenschein. Foto: Kinostar

(Kinostart: 22.12.) Bombiges Weihnachts-Päckchen aus der Türkei: Der Geheimdienst jagt Fundamental-Terroristen, die Istanbul und Frankfurt hochgehen lassen. Ein realistischer Action-Thriller, der ohne antiwestliche Klischees auskommt.

Bomben-Anschläge ohne Allah-Anrufung: Im türkischen Action-Thriller «Labirent» kommt kein einziger Sonnengruß von bärtigen Muselmännern vor. Kann man sich einen westlichen Film über fundamentalistischen Terror vorstellen, in dem Selbstmord-Attentäter nicht ständig beten?

 

Info

Labirent –
Labyrinth (OmU)

 

Regie: Tolga Örnek, 123 min., Türkei/ Deutschland 2011;
mit: Meltem Cumbul, Timuçin Esen, Sarp Akkaya

 

Weitere Informationen + Kino-Liste

 

Türkische Website zum Film

Auf dieses Klischee konnte auch die jüngste Tatort-Folge «Der Weg ins Paradies» nicht verzichten, in der Mehmet Kurtuluş als verdeckt arbeitender Ermittler überzeugte. Anders in «Labirent»: Hier wird Fundamentalisten-Terror aus staatstragend türkischer Perspektive ins Visier genommen.

 

Saudisch-syrischer Terror-Chef

 

Mit einem Knall-Effekt geht es los: Auf einer belebten Straße in Istanbul sterben bei einer Explosion 95 Menschen, darunter etliche Amerikaner und Briten. Zu diesem Anschlag bekennt sich die Terror-Organisation «El-Wahid», die der saudisch-syrische Arzt Yousuf Zawas dirigiert.


Offizieller Film-Trailer (ohne deutsche Untertitel)


 

45 Bomben-Opfer in Frankfurt am Main

 

Der Drahtzieher will die Türkei bestrafen, weil sie sich seiner Ansicht nach gegenüber den USA und Israel prostituiert. Das Bekenner-Video nach dem Anschlag beendet der Attentäter Zait (Umut Kurt) mit einem «Allahu Akbar»; erfreulicherweise eine der wenigen Szenen, in denen der Islam eine Rolle spielt.

 

Sofort startet der türkische Geheimdienst die Operation «Labirent» (Labyrinth), um weitere Attentate zu verhindern. Daran sind der britische SIS und die CIA beteiligt. Diverse Spuren führen nach Afghanistan, Nord-Irak – und Frankfurt am Main. In der Banken-Metropole geht eine weitere Bombe hoch; dabei kommen 45 Opfer ums Leben.

 

Power-Frau jagt Terroristen

 

Ein dritter Attentats-Versuch auf eine Synagoge in Istanbul scheitert, weil Terrorist Zait in letzter Sekunde Gewissensbisse bekommt. An seinen Skrupeln leidend, vertraut er sich einem gewissen Rasim an. Dieser palästinensische V-Mann liefert dem Spezialeinsatz-Kommando wichtige Hinweise für seine labyrinthische Operation.

 

Geheimdienst-Offizier Fikret (Timuçin Esen) und seine Kollegin Reyhan (Meltem Cumbul), eine allein erziehende Power-Frau, nehmen die Fährte der Terroristen auf. In letzter Sekunde gelingt es ihnen, einen Mega-Anschlag zu verhindern, der Europa und Asien unwiderruflich voneinander trennen würde.

 

Kein jüdischer Organ-Handel

 

So weit, so geläufig – allerdings ohne die üblichen Verdächtigen. Etwa böse Mossad-Agenten: Anders als im Kassen-Schlager «Tal der Wölfe – Irak» von 2006 wird in «Labirent» der israelische Geheimdienst nur in einem Nebensatz erwähnt. Diese türkisch-deutsche Ko-Produktion bedient weder antisemitische noch -amerikanische Vorurteile: Kein Rachefeldzug auf der Leinwand gegen Uncle Sam, der fromme Moslems malträtiert.

 

Mit solchen antiwestlichen Ressentiments im Dienste des pantürkischen Nationalismus hatte «Tal der Wölfe – Irak» vor fünf Jahren großes Aufsehen erregt: Darin kämpfte der türkische Top-Agent Polat Alemdar gegen einen US-Gegenspieler, der in Kreuzritter-Manier den Nahen Osten von «Ungläubigen» befreien will, sowie jüdische Ärzte, die Körper muslimischer Gefangener für illegalen Organ-Handel ausschlachten.

 

Hauptdarstellerin aus «Gegen die Wand»

 

Solche Gräuel-Propaganda fehlt in «Labirent»: Regisseur Tolga Örnek zeichnet ein realitätsnäheres Bild von Ankaras Geheimdienst und kaschiert dessen Schwächen nicht. Zudem sind die Hauptrollen mit den TV-Stars Timuçin Esen und Meltem Cumbul, die auch im Berlinale-Sieger «Gegen die Wand» von Fatih Akin zu sehen war, erstklassig besetzt.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Eine gute Gelegenheit, solides türkisches Blockbuster-Kino kennen zu lernen, das seit einigen Jahren eine kreative und kommerzielle Blüte erlebt: «Labirent» startet mit fast 40 Kopien im deutschsprachigen Raum. Und überrascht mit nonchalanten Verstößen gegen Genre-Konventionen: Ein klassisches happy end mit glücklichen Helden bleibt dem Zuschauer erspart.


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