Alex de la Iglesia

Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod

Javier (CARLOS ARECES) als „trauriger Clown“ und sein Zirkus-Kollege Ramiro (MANUEL TALLAFE). Foto: © 2011 Koch Media GmbH.

(Kinostart: 8.12.) Spaniens Geschichte als Duell zweier Clowns: Mit grell überdrehtem Psycho-Horror gewann Regisseur de la Iglesia 2010 zwei Löwen in Venedig. Doch Schock-Effekte verstellen den Weg zu differenzierter politischer Analyse.

Horror-Action als Gemeinschaftskunde-Unterricht: Spaniens Star-Regisseur Alex de la Iglesia will mit «Mad Circus» nichts Geringeres, als das politische Dilemma überwinden, das ihm zufolge sein Land seit Generationen lähmt. Dafür werden die Zuschauer in eine bizarre Welt katapultiert: die eines Wanderzirkus und seiner Clowns.

Info

Mad Circus – Eine
Ballade von Liebe und Tod

 

Regie: Alex de la Iglesia, Spanien 2010, 108 min.;
mit: Carlos Areces, Antonio de la Torre, Carolina Bang


Film-Website auf Englisch


Vor der eigentlichen Handlung, die 1973 spielt, stellt de la Iglesia in kurzen, blutigen Minuten den historischen Kontext dar: Der Putsch von General Franco mit ihm ergebenen Teilen der Armee gegen die demokratisch gewählte Regierung in Madrid führte zum Bürgerkrieg. Zwischen 1936 und 1939 starben Millionen Spanier.

 

Gemetzel im Clown-Kostüm

 

Ein Clown gerät mitten in die Kämpfe: Aus einer Zirkus-Vorstellung heraus rekrutieren ihn Regierungstruppen. Noch im Kostüm richtet er mit einer Machete ein Blutbad unter Franco-Anhängern an. Bis die ihn gefangen nehmen, was er nicht überleben wird.


Offizieller Film-Trailer


Er hinterlässt einen traumatisierten Sohn Javier (Carlos Areces), der ihm Jahrzehnte später nacheifert. Der wohl traurigste Clown der Welt wird von einem lausigen Zirkus engagiert. Dessen einziger Star ist der lustige Clown Sergio (Antonio de la Torre), als dessen dämlicher Kompagnon Javier fungieren soll. Komisch ist Kinder-Liebling Sergio aber nur in der Manege. Ansonsten terrorisiert der Sadist seine Umwelt.

 

Doku-Bilder vom ETA-Attentat

 

Javier versteht nicht, warum sich die hübsche Akrobatin Natalia (Carolina Bang) magisch zu dem Brutalo hingezogen fühlt. Javier verliebt sich in Natalia, die ihm den Kopf verdreht, was Sergio nicht entgeht. Nun schwankt Natalia zwischen beiden Clowns hin und her – und das Duell der Rivalen stürzt das Trio ins Unglück.

 

Die beiden Clowns repräsentieren überdeutlich die Fraktionen im politisch gespaltenen Spanien, das die Franco-Diktatur nie systematisch aufgearbeitet hat. Damit jeder das kapiert, montiert der Regisseur zahlreiche Dokumentar-Aufnahmen in sein Drama: etwa TV-Bilder über den Mord der baskischen ETA an Francos Regierungschef Luis Carrero Blanco.

 

Auf Kult-Potential getrimmt

 

Diese Collage ist ein wilder Parforce-Ritt, die irgendwo zwischen Trash, Splatter, Drama und Groteske angesiedelt ist. Das überzeugte die Jury der Biennale in Venedig 2010: Vorsitzender Quentin Tarantino war entzückt, und der Film heimste zwei Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch ein.

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Alex de la Iglesia.


Visuelle Kraft kann man dem Werk nicht absprechen – konsequente Radikalität ebenso wenig. Doch «Mad Circus»  bietet auch viele Angriffspunkte für Kritik: Der Film ist sehr auf Kult-Potential getrimmt und an vielen Stellen zu gewollt bizarr.

 

Viele Szenen schreien in ihrer grellen Überspitzung geradezu danach, zitiert zu werden. Damit verstellt sich de la Iglesia selbst den Weg zu einer präziser und differenzierter dargestellten Kritik an Spaniens politischen Verhältnissen.


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