Berlin

Museum Europäischer Kulturen

Wilhelm Kiesewetter bei der Arbeit: Kalmücken, Öl auf Leinwand; © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen, Foto: Ute Franz-Scarciglia
Wer wissen will, muss lesen

 

Sie existiert mit geändertem Namen bis heute und ist dem MEK eng verbunden. Ihr Total-Interesse an allem Menschlichen prägt auch die neue Dauerausstellung. Die soll unter dem Titel «Kulturkontakte – Leben in Europa» auf knappem Raum ein Gesamt-Panorama der Beziehungen zwischen Kulturen bieten – und übernimmt sich damit.

 

Dass keine Kultur jemals statisch blieb und alle sich ständig wechselseitig beeinflussen, ist mittlerweile eine akademische Binse. Deren Facetten will das MEK umfassend auffächern; doch viele kann es nur punktuell antippen. Zumal die meisten Exponate ihre komplexe Geschichte optisch nicht preisgeben. Wer wissen will, was in ihnen steckt, muss viel lesen.

 

Berliner Gondel vom Halensee

 

Etwa über eine Kette aus bunten böhmischen Glasperlen: Was für Zeitgenossen wie Modeschmuck aussieht, war bereits vor Jahrhunderten ein globaler Export-Artikel. Besonders begehrt in Afrika, so dass er tonnenweise nur für den berühmt-berüchtigten Glasperlen-Handel produziert wurde: Für ein paar Dutzend Perlen-Ketten konnte man in Übersee einen Sklaven kaufen.


Interview mit Kuratorin Irene Ziehe und Impressionen der Dauer-Ausstellung

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Souvenir-Obstkarren von Wilhelm II.

 

Dagegen nehmen Prunkstücke des Museums viel Raum ein – ohne großen Erkenntniswert. Eine echte Gondel macht sich mächtig breit; wem wäre unbekannt, dass sie auf Venedigs Kanälen kreuzt? Bemerkenswert an diesem Exemplar ist nur, dass es aus Berlin kommt: Das MEK barg das Boot in abgetakeltem Zustand aus dem Halensee.

 

Ein Blickfang ist ebenso der farbenfroh bemalte Obstkarren aus Sizilien: Kaiser Wilhelm II. persönlich brachte den «carrettu sicilianu» von einer Italien-Reise als Souvenir mit. Dessen kitschige Nachfolger umringen das Ungetüm. Natürlich kann es Mobilität veranschaulichen – wie unzählige andere Transportmittel vom Schnee-Schuh bis zum Space Shuttle.

 

Weihnachtsberg als treudeutsches Denkmal

 

So willkürlich wirkt die Präsentation der meisten Exponate: Sie sollen Menschheits-Themen darstellen, wurden aber offenbar vor allem wegen ihres Schauwerts ausgewählt. Nur selten fügen sie sich zu einem stimmigen Ganzen mit Aha-Effekt. Wie die Beispiele für Volks-Religiösität, die von bizarren Votiv-Gaben bis zum Ramadan-Kalender reichen, der nach dem Vorbild des Weihnachts-Kalenders mit Schokolade-Stücken gefüllt ist.

 

Überragt vom «Weihnachtsberg» aus dem Erzgebirge, den Max Vogel ab 1885 aufbaute: mit Dutzenden von Gebäuden und Hunderten von Figuren. Da hat sich treudeutscher Größenwahn ein friedliches und sozialverträgliches Denkmal errichtet.

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Weltsichten - Blick über den Tellerrand!" im Linden-Museum Stuttgart

 

und hier eine kultiversum-Besprechung der Schau "Das silberne Pferd" im Pergamonmuseum mit Archäologie-Funden von Rudolf Virchow aus dem Kaukasus.

 

Döner-Spieß aus Plastik überlebt

 

Die Sammelwut kommt nebenan in der Studiensammlung, die jährlich wechseln soll, zu ihrem Recht: Ein unüberblickbarer Schutthaufen von Spielzeug, das in Reih’ und Glied Vitrinen füllt. Als sei es eine Reminiszenz an das alte, unselige MEK «Im Winkel». Auch der Döner-Spieß aus Plastik hat überlebt und darf nun globalisierte Imbiss-Kultur symbolisieren.

 

Diese nostalgischen Einsprengsel tun der Freude über die Wiedereröffnung keinen Abbruch: Das neue MEK hat mit seiner traurigen Vergangenheit radikal gebrochen. Aus dem Aschenputtel ist eine kecke Prinzessin geworden, die sich mit dem Krönchen einer fulminanten Sonder-Schau schmückt. Nur ihr Alltags-Gewand sollte sie noch etwas aufpolieren, damit sie ihren frischen Glanz nicht verliert.

 


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