Göran Hugo Olsson

The Black Power Mixtape 1967 – 1975

Angela Davis wird Gefängnis vom schwedischen TV-Reporter Bosse Holmstrom interviewt, 1970. Foto: Mouna Filmverleih

(Kinostart: 14.12.) Als die USA vor ihrem zweiten Bürgerkrieg standen: Regisseur Olsson montiert vergessene TV-Bilder zu einem packenden Polit-Thriller. Mit Proto-Osama bin Laden: Louis Farrakhan verfluchte 1974 die weiße «Rasse des Teufels».

Ihr glaubt, wir leben in unsicheren Zeiten? Dann seht Euch diesen Film an: In acht Jahren werden bei 300 innerstädtischen Unruhen insgesamt 60.000 Bürger verhaftet. Binnen fünf Jahren sterben vier führende Politiker, alle Hoffnungsträger der Benachteiligten, durch Mordanschläge. Derweil kämpft eine halbe Million Wehrdienstleistender in Übersee einen aussichtslosen Krieg. Das sind die Vereinigten Staaten zwischen 1965 und 1975.

 

Info

The Black Power Mixtape
1967 – 1975

 

Regie:  Göran Hugo Olsson, 92 min., Schweden/ USA/ Deutschland 2011;
mit: Martin Luther King, Stokely Carmichael, Angela Davis

 

Website zum Film


Man übertrage das auf hiesige Verhältnisse: Alle paar Wochen brennt Berlin-Neukölln, Hamburg-Wilhelmsburg oder München-Hasenbergl – wahllos schlägt Polizei auf Passanten ein. Nacheinander werden Angela Merkel, Necla Kelek, Peer Steinbrück und Cem Özdemir von Attentätern erschossen. In Afghanistan ist die gesamte Bundeswehr in zermürbende Guerilla-Kriege verstrickt – Ende nicht abzusehen. Wer fürchtete nicht, dass Deutschland kurz vor einem Bürgerkrieg steht?

 

Dieses Doku-Drama entfaltet der schwedische Regisseur Göran Hugo Olsson mit lange übersehenem Material. Im Archiv des staatlichen Fernsehens fand er 16-Millimeter-Filme, die schwedische Reporter in den USA gedreht hatten: bemüht, die Bürgerrechts-Bewegung und Rassenunruhen unparteiisch darzustellen. Die grobkörnigen Bilder waren höchstens einmal oder noch nie ausgestrahlt worden. Daraus montiert Olsson einen packenden Polit-Thriller.


Offizieller Film-Trailer


 

Hauptquartier im Einfamilienhaus

 

Er beginnt mit Martin Luther King, der den Vietnam-Krieg geißelt und bessere Ausbildung und Förderung für Schwarze fordert. Nach seiner Ermordung schließt sich der schwarze Studentenführer Stokely Carmichael, eine Art Rudi Dutschke der USA, der «Black Panther Party» an. Die redet zwar vom bewaffneten Kampf gegen Rassismus und Kapitalismus, doch handelt pragmatisch: Sie richtet Gratis-Kliniken für Schwarze ein und verteilt Frühstück an Schulkinder.

 

Ihr «Hauptquartier» ist ein Einfamilienhaus in Oakland, Kalifornien. 1970 wird es auf Einladung der algerischen Regierung nach Algier verlegt; die meisten Führer der Bewegung sitzen in US-Gefängnissen. Wie Angela Davis: Der hoch gebildeten Kommunistin, die über Kant promoviert hat, wird eine Geiselnahme ihres Bruders im Gerichtssaal zur Last gelegt – seine Waffe war auf ihren Namen registriert.

 

«Blue Planet Award» für Angela Davis

 

1972 kommt Davis frei. Währenddessen versinken schwarze Ghetto-Siedlungen wie Harlem im Drogen-Elend: Tausende sterben an einer Überdosis. Die Schwemme billigen Heroins ist ein Kollateral-Schaden des Vietnam-Kriegs: Wie skrupellose Geschäftemacher den US-Zugang zum «Goldenen Dreieck» in Südostasien ausnutzen, zeigt 2007 ein Biopic über den Drogen-Dealer Frank Lucas – «American Gangster» von Ridley Scott. Der Krieg endet 1975.

 

All das ist weitgehend vergessen. Von den Führungsfiguren der «Black Panthers» wie Elridge Cleaver, Bobby Seale und Huey Newton kennt man kaum noch die Namen. Stokely Carmichael heiratete die Sängerin Miriam Makeba und wanderte 1969 nach Guinea aus, wo er 1998 starb. Nur Angela Davis tritt noch in der Öffentlichkeit auf: Am 18. November erhielt sie in Berlin den «Blue Planet Award» – die Laudatio hielt Gregor Gysi. Davis kennt die Stadt gut: Anfang der 1970er Jahre war sie mehrfach in Ostberlin als Staatsgast der DDR.

 


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