George Clooney

The Ides of March – Tage des Verrats

Die Einsamkeit des Wahlkampf-Managers: Stephen Meyers (Ryan Gosling) lauscht einer Rede von Governeur Morris (George Clooney). Foto: Tobis

(Kinostart: 22.12.) Ausnüchterungs-Kur für Demokraten: Hollywoods Gemeinschaftskunde-Lehrer führt vor, dass Politik wie Simultan-Schach funktioniert. Ryan Gosling glänzt als Wahlkampf-Manager, der Ideale seiner Karriere opfert.

Die Iden des März, ein altrömischer Feiertag, fielen auf den 15.3. An diesem Tag im Jahr 44 v. Chr. wurde Cäsar von seinen engsten Vertrauten ermordet. Ganz so schlimm kommt es im Polit-Thriller von und mit George Clooney zwar nicht. Doch der Verrat, um den sich seine vierte Regiearbeit dreht, ist nicht weniger tödlich – für die berufliche Laufbahn.

Info

The Ides of March – Tage des Verrats

 

Regie: George Clooney, USA 2011, 100 min.;
mit: Ryan Gosling, Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti

 

Website zum Film


Dabei hat Stephen Meyers (Ryan Gosling), spin doctor im Wahlkampf-Team von Gouverneur Mike Morris (Clooney), einen Karriere-Sprung vor sich. Der 30-Jährige ist ein politisches Ausnahme-Talent: Blitzgescheit, weitsichtig und lässig zieht er die Fäden in Morris’ Kampagne für die Präsidentschaftswahlen. Weil er an dessen Willen zu einer besseren Politik glaubt.

 

Der charismatische Gouverneur ist einer der beiden aussichtsreichsten Anwärter der Demokraten: Gewinnt er die Vorwahlen im «swing state» Ohio, hat er die Nominierung und den späteren Wahlsieg fast schon in der Tasche. Und Stephen ein Büro im Weißen Haus.


Offizieller Film-Trailer


 

Neuauflage der Lewinsky-Affäre

 

Das weiß auch Tom Duffy (Paul Giamatti), Wahlkampf-Leiter des Gegenkandidaten Senator Pullman: Heimlich versucht er, Stephen abzuwerben. Der lehnt ab, doch Duffy schwärzt ihn an: Als Morris’ Wahlkampf-Leiter Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) von ihrem Treffen erfährt, feuert er Stephen sofort wegen Illoyalität.

 

Doch der Geschasste trägt ein As im Ärmel: Durch seine Affäre mit der Praktikantin Molly (Evan Rachel Wood) erfährt er, dass Morris ihr zu nahe trat. Nun hat er seinen Ex-Boss in der Hand: Entweder bekommt Stephen seinen Traum-Job – oder die Presse-Meute eine Neuauflage der Lewinsky-Affäre.

 

Rollenspiel mit äußerster Konsequenz

 

Am Ende ist scheinbar alles im Lot: Der drittplatzierte Senator Thompson unterstützt Morris, was diesem die Nominierung sichert – nicht ohne Gegenleistung, versteht sich. Stephen setzt sich durch; auf Kosten eines alten Recken. Auf der Strecke bleiben nur seine Ideale – und eine Leiche, die sich selbst umgebracht hat. Ein ganz normaler Wahlkampf auf der Zielgerade.

 

Diesen Kampagnen-Krimi inszeniert Clooney völlig unaufgeregt, geradezu nüchtern. Wie schon in «Good night, and good luck» von 2005 über die Kommunisten-Jagd in der McCarthy-Ära seziert er kühl die Mechanismen des US-Politikbetriebs. Keiner der Protagonisten ist besonders doppelzüngig, hinterhältig oder gar böse. Alle spielen nur die Rolle, die ihnen ihre Position im Getriebe zuweist. Das allerdings mit äußerster Konsequenz.

 

 Opfer auf dem Meinungsumfragen-Altar

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Hymne auf den Wirtschafts-Thriller „Der große Crash – Margin Call“ über den Ausbruch der Finanzkrise

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Polit-Thrillers „Fair Game“ über die Affäre Valerie Plame in der Amtszeit von George W. Bush

 

und hier einen Beitrag zur Doku „Bad Boy Kummer“ über den frechsten Betrüger der deutschen Medien-Geschichte.


Ein permanentes Hauen und Stechen – natürlich mit dem politischen Gegner, aber ebenso in den eigenen Reihen. Da werden dauernd Informationen lanciert und vertuscht, treuherzig Zusagen gemacht und flugs gebrochen, Verbündete verpflichtet und in die Wüste gejagt, wie es die Umstände verlangen. Alle spielen ständig Simultan-Schach mit- und gegeneinander. Dieses taktische Geschacher verwässert langfristige Strategien bis zur Unkenntlichkeit.

 

Das ist der Preis für eine Stimmungs-Demokratie, in der jede Überzeugung auf dem Altar der Meinungs-Umfragen geopfert werden kann. Und für ein basisnahes Nominierungs-Verfahren, bei dem jeder Parteigänger mitreden darf. Obwohl die hierzulande üblichen Kungelrunden unter Funktionären noch undurchsichtiger ablaufen – und daher nicht so telegen.

 

Dieses Doku-Drama über die Schlangengrube des Politik-Alltags bietet keinen Anlass, an ihm zu verzweifeln. Oder ihn zu dämonisieren, was auch Clooney wohlweislich unterlässt. Der große linksliberale Gemeinschaftskunde-Lehrer Hollywoods zeigt einfach, wie Machtkämpfe heutzutage ablaufen: staatsbürgerliche Aufklärung im besten Sinne. Wenn er bloß damit nicht nur diejenigen erreichen würde, die das immer schon geahnt haben!


Diesen Artikel drucken