Berlin

The Ruins of Detroit

Schöne Aussichten: Blick auf die Verkehrsachse Woodward Avenue am "Marathon Day". Foto: Kühlhaus Berlin/ Marchand+Meffre

Monumentaler als die Pyramiden, das Kolosseum oder die Akropolis: Yves Marchand und Romain Meffre lichten das tote Herz von Detroit in malerischen Panoramen ab. Das «Kühlhaus Berlin» zeigt Ruinen-Romantik im XXL-Format.

Ashes to ashes, dust to dust: Dieser Refrain aus dem anglikanischen Begräbnis-Ritus passt auf das Zentrum von Detroit wie das Läuten eines Totenglöckchens. Die Innenstadt von Motor City ist das vermutlich größte Mahnmal zerstörter Industrie-Architektur der Welt: 35 Prozent des Stadtgebietes gelten als unbewohnbar.

 

Info

The Ruins of Detroit

 

15.12.2011 – 10.01.2012
donnerstags bis samstags von 18 Uhr bis open end im Kühlhaus Berlin, Luckenwalder Str. 3, Berlin

 

Bildband 88 €

 

Weitere Informationen

Aufstieg und Niedergang von Detroit liefen mit dem Tempo eines Formel-Eins-Rennens ab: Noch 1900 zählte die Stadt weniger als 300.000 Bewohner. 1909 begann Henry Ford mit der Massenproduktion von Automobilen. Die neue Branche brauchte Arbeitskräfte: Bis 1950 schwoll die Einwohnerzahl auf knapp 2 Millionen an.

 

Ein Architekt mit 1000 Gebäuden

 

Der Auto-Boom bescherte Detroit unermesslichen Reichtum: Neue Fabrik-Anlagen, Verwaltungs-Bauten und Wohn-Anlagen schossen wie Raketen aus ihren Silos. Allein der Stadt-Architekt Albert Kahn errichtete rund 1000 Gebäude. Konzerne wie General Motors (GM), Ford und Chrysler sowie Hotels, Theater und Kinos wetteiferten um die prächtigsten Paläste.


Interview mit Geschäftsführer Jochen Hahn über das Kühlhaus-Konzept und Impressionen der Ausstellung


 

Keine Renaissance mit Trutzburg

 

Doch der Wohlstand war ungleich verteilt: Es kam zu Unruhen, die vom Militär niedergeschlagen wurden. 1967 starben bei den schwersten Ausschreitungen 43 Menschen. Da war der Verfall der Innenstadt schon nicht mehr aufzuhalten: Die «Big Three» verlagerten ihre Produktions-Stätten ins Umland; Arbeiter und Angestellte folgten in die Vorstädte.

 

Zurück blieben Farbige und poor white trash. 1977 sollte die Einweihung des «Renaissance Centers» die Stadtflucht aufhalten und downtown wieder beleben. Vergebens: Das Ensemble, in dem GM seine Konzern-Zentrale unterbrachte, hat den einladenden Charme einer Trutzburg. Dennoch ist der Großraum keineswegs zum Niemandsland mutiert: Während Detroit selbst zu den ärmsten Städten der USA zählt, weist suburbia einige der reichsten Gemeinden in den Vereinigten Staaten auf.

 

Operationen am offenen Herzen

 

Die sich selbst überlassene Innenstadt zieht jedoch Fotografen, Künstler und Stadtplaner magisch an: Alle wollen am offenen Herzen der US-Industriegesellschaft operieren, das nach seinem Infarkt seit langem still steht. Bereits 2001 zeigte der Kanadier Stan Douglas im Hamburger Bahnhof Fotografien und eine aufwändige Video-Installation über Detroit, die er in vierjähriger Arbeit angefertigt hatte.

 

Neueren Datums sind Foto-Serien von Wolfgang Kastl und Andrew Moore, der 2010 den Bildband «Detroit Disassembled» veröffentlichte. Während sich Kastl auf Interieurs und Moore auf pittoreske Details konzentrierten, liefern die Franzosen Yves Marchand und Romain Meffre einen enzyklopädischen Überblick: Ihre 186 Aufnahmen im Großformat, die der Steidl Verlag im vorigen Jahr als Prachtband publizierte, erfüllen kühnste Träume von Ruinen-Romantikern.

 


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