Marc Bauder

Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen

Nieten in Nadelstreifen: Herbert Tieschky (Heinz Hoenig, li.), Mike Hiller (Jacob Matschenz, mi.) und Konrad Böhm (Bernhard Schütz) sprechen über schmutzige Geschäfte. Foto: © Filmlichter / Frisbeefilms

(Kinostart: 12.1.) Wirtschafts-Krimi trifft Familien-Drama: Ein Ex-Stasi-Spitzel verführt einen Halbstarken zum lustvollen Machtmissbrauch. Ihre Geschäftemacherei klagt Regisseur Marc Bauder etwas überambitioniert an.

Mike Hiller (Jacob Matschenz) würde gern aus der Plattenbau-Langeweile ausbrechen. Da taucht der Geschäftemacher Konrad Böhm (Bernhard Schütz) auf. Der arrogante Ex-Liebhaber seiner Mutter Elke (Jenny Schily) und vermeintliche Freund seines verstorbenen Vaters Rolf lockt den jungen Mann mit einem gut bezahlten Job. Das sei er Elke nach dem ungeklärten Tod von Rolf schuldig, sagt er.

 

Info

Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen

 

Regie: Marc Bauder, 85 min., Deutschland 2011;
mit: Jacob Matschenz, Bernhard Schütz, Jenny Schily

 

Website zum Film

Konrad treibt die Jagd nach einem fetten Auftrag durch die Straßen von Rostock. Ein Konzern will eine Gas-Leitung durch Mecklenburg-Vorpommern verlegen und sucht dafür eine Baufirma. Eine solche Firma engagiert Konrad für Mittlerdienste: Er stellt mit haltlosen Versprechungen, verlogenen Behauptungen und Schmiergeldern die Konkurrenz ins Abseits.

 

Anspielung auf Ostsee-Gas

 

Der Plot spielt offenkundig auf die North-Stream-Pipeline an: Die umstrittene Unterwasser-Leitung befördert seit November 2011 russisches Erdgas durch die Ostsee nach Greifswald – von dort wird der Energie-Träger über Land nach Niedersachsen und Brandenburg weitergepumpt.


Offizieller Film-Trailer


 

Altkanzler Schröder als Gazprom-Lobbyist

 

Mehrheits-Eigentümer der Pipeline ist der russische Staats-Konzern «Gazprom», für den Gerhard Schröder als Lobbyist arbeitet. Der Altkanzler erscheint im Film auf der TV-Mattscheibe, während Konrads Genossen über ihre Betrügereien plaudern.

 

Mike genießt den Geldsegen, aber traut seinem gerissenen Lehrmeister nicht. Zufällig erfährt er von dessen Stasi-Vergangenheit. Das stürzt ihn in einen Gewissenkonflikt, denn Konrad ist bereits eine Art Ersatzvater für Mike geworden.

 

Liebhaber, Kumpel und Stasi-Kollege

 

Nachwuchs-Regisseur Marc Bauder verquirlt seinen Wirtschafts-Krimi um eine Seilschaft aus Ex-Stasi-Spitzeln mit dem Drama um eine komplizierte Patchwork-Familie. Elke ist trockene Alkoholikerin und Bistro-Bedienung, Mike jung und amüsierfreudig. Dadurch fällt es Konrad leicht, ihn zu verführen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Dokumentarfilms „Der Fall Chodorkowski“ über den inhaftierten Öl-Magnaten

 

und hier ein Interview mit Regisseur Cyril Tuschi über die Verflechtung von Macht und Kommerz in Russland.

Trotz Warnungen seiner Mutter bleibt er Konrad treu und übt sich als echter Verbrecher. Sein Boss spielt mit offenen Karten. So erfährt Mike, dass der Geschäftemacher vorbestraft ist und eine größere Rolle für seine Familie spielte, als er geahnt hat – für Elke als Liebhaber, für Rolf als Kumpel und für beide als Stasi-Kollege.

 

Fehler im System

 

Mutig rückt Regisseur Bauder in seinem Debütfilm die Machenschaften von schlitzohrigen Glücksrittern und ihre menschlichen Schwächen ins Blickfeld; Hauptdarsteller Bernhard Schütz überzeugt als verletzlicher Fiesling.

 

Doch der Fehler im «System» liegt in einer überladenen Konstruktion der Handlung: Als wären Wirtschafts-Krimi samt Familien-Drama nicht genug, werden auch noch Stasi-Altlasten aufgearbeitet. Im verwirrenden Genre-Mix geht das interessanteste Sujet unter: die Verführungskraft von Macht und Reichtum.


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