Marjane Satrapi

Huhn mit Pflaumen

Nasser-Ali (Mathieu Amalric) spielt auf seiner geliebten Geige für seine große Liebe Irâne (Golshifteh Farahani). Foto: © 2011 Prokino Filmverleih

(Kinostart: 5.1.) Wie die Aufklärung in Teheran vor 50 Jahren Selbstmord beging: Die missratene Modernisierung im Iran verwandelt «Persepolis»-Schöpferin Satrapi in die unerfüllte Liebe eines Musikers – und bittersüßen Edelkitsch.

Süßsauerscharf als Fond des guten Geschmacks: Die feine persische Küche kombiniert Zutaten, die europäische Köche meist auf Hauptgang und Dessert aufteilen. Herzhaftes Fleisch und Gemüse wird mit Aprikosen, Rosinen, Granatapfel-Kernen und Nüssen zubereitet. Oder Huhn mit Pflaumen – das Lieblings-Gericht von Nasser-Ali (Mathieu Amalric).

 

Info

Huhn  mit Pflaumen
– Poulet aux Prunes

 

Regie: Marjane Satrapi + Vincent Paronnaud, 90 min., Frankreich/Deutschland 2011;
mit: Mathieu Amalric, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani

 

Website zum Film


Er ist ein berühmter Geiger im Teheran der 1950er Jahre. Trotz der nationalistischen Politik von Premier Mohammad Mossadegh, der 1953 von Schah Reza Pahlewi und dem CIA gestürzt wurde, orientiert sich die iranische Oberschicht an westlichen Vorbildern. Die Herren tragen gut geschnittene Anzüge und Hüte, die Damen elegante Kleider. Im Kino laufen internationale Produktionen; danach plaudert man bei einem Glas Wein oder Likör. Alle rauchen wie die Schlote.

 

Unglückliche Ehe mit Lehrerin

 

Nasser-Alis unerfüllte Liebe heißt Irâne (Golshifteh Farahani). Es war Liebe auf den ersten Blick, doch ihr Vater vermählt sie mit einem Offizier. Auf Drängen seiner Mutter Parvine (Isabella Rossellini) heiratet Nasser-Ali die praktisch veranlagte Lehrerin Faringuisse (Maria de Medeiros). Die hat keinen Sinn für die musischen Neigungen ihres Gatten – trotz wohlgeratener Kinder verläuft die Ehe unglücklich.


Offizieller Film-Trailer


 

Hunger-Künstler auf dem Bett

 

Bis es zur Katastrophe kommt: Faringuisse zerschlägt im Streit Nasser-Alis geliebte Violine. Zwar findet er Ersatz, doch deren Klang verströmt nicht mehr den gleichen süßen Schmelz. Zudem trifft er nach 30 Jahren zufällig Irâne wieder, doch seine Angebetete verleugnet ihn: Es ist zu spät. Nun hat sein Leben keinen Sinn mehr – Nasser-Ali legt sich aufs Bett und fastet, um zu sterben. Vor seinem geistigen Auge laufen in Rückblenden die Film-Szenen ab.

 

Bei ihrem zweiten Spielfilm bedient sich Marjane Satrapi erneut aus ihrer Familien-Geschichte: Für die Hauptfigur stand ein Großonkel Pate. Wie ihr Welterfolg «Persepolis» basiert auch «Huhn mit Pflaumen» auf einer von ihr gezeichneten Graphic Novel. Im Gegensatz zum Vorgänger spielt diesmal Zeitgeschichte keine offensichtliche Rolle: Der Film konzentriert sich ganz auf die Seelennöte von Nasser-Ali.

 

Opulentes Menü mit fadem Nachgeschmack

 

Die Hauptrolle ist ideal besetzt. Mathieu Amalric verleiht dem schwärmerischen Schöngeist feinsinnig verschmitzt Kontur. In prachtvoller Ausstattung: Satrapi und ihr Ko-Regisseur Vincent Paronnaud rekonstruieren die Atmosphäre in der Teheraner Bourgeoisie mit viel Liebe zum Detail. Allerlei comic-artige Einsprengsel und Episoden kontrastieren mit der elegischen Grundstimmung einer gepflegt dekadenten Lebenswelt, deren Untergang naht.

 

Dennoch hinterlässt dieses opulente Cinemascope-Menü einen faden Nachgeschmack; das liegt vermutlich am europäischen Blick auf die orientalische Sichtweise der Geschichte. Enttäuschte Aufbruchs-Stimmung und missratene Modernisierung Irans als Scheitern und Selbstmord eines Musikers zu personifizieren, ist ein arger Rückzug ins Private. Das Melodram erinnert in seiner romantisierenden Innerlichkeit an «Women without men» (2010) der iranischen Künstlerin Shirin Neshat.

 

Apolitisch-blumige Gleichnisse

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Marjane Satrapi über „Huhn mit Pflaumen“

 

und hier eine Besprechung des Films „Tournée“ von und mit Mathieu Amalric

 

und hier eine Rezension des Films „Die Liebesfälscher“ von Abbas Kiarostami

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Alles über Elly“ von Ashgar Farhadi mit Golshifteh Farahani in der Hauptrolle

 

und hier einen Bericht über den Film „Women without men“ der iranischen Künstlerin Shirin Neshat.


Ihr Debütfilm handelt gleichfalls vom Ende der Regierung Mossadegh und der Unterdrückung durch die Diktatur des Schahs. Die zerstobenen Hoffnungen der aufgeklärten Elite im Iran verwandelt Neshat ebenso in eine privatisierende Parabel: Vier Frauen ziehen sich auf ein idyllisches Landgut im Nirgendwo zurück. Diese nostalgische Utopie schwelgt wie «Huhn mit Pflaumen» in erlesenem Dekor und delikat entsättigten Farben.

 

Darin kommt ein Hang der persischen Kultur zu vieldeutiger Verrätselung und blumigen Gleichnissen zum Ausdruck. Doch die Verkürzung komplexer historischer Situationen auf (un-)mögliche (Wahl-)Verwandtschaften ist letztlich apolitisch: Vor einem halben Jahrhundert verpasste Chancen werden vergangenheitsselig ausgemalt, anstatt daraus Folgerungen für die Gegenwart abzuleiten.

 

Underdog-Mentalität der Shiiten

 

Diese Haltung entspringt der Shia: Irans Staatsreligion kultiviert als Minderheiten-Bekenntnis im Islam eine underdog-Mentalität. Der Opfer und ihrer Leiden wird ausgiebig gedacht, verbunden mit messianischen Hoffnungen auf den Mahdi (Erlöser). Insofern gewähren beide Filme einen tiefen Einblick in Denken und Empfinden der iranischen Elite, selbst ihrer säkularisierten Vertreter im Exil. Auf hiesiger Leinwand wirkt jedoch ihr Weltbild wie bittersüßer Edelkitsch.


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