David Wnendt

Kriegerin

Pardon wird nicht gegeben: Marisa (Alina Levshin, re.) macht Svenja (Jella Haase, li.) handgreiflich klar, was Sache ist. Foto: Alexander Janetzko/ Ascot Elite Filmverleih

(Kinostart: 19.1.) Neues vom NSU: Jung-Regisseur David Wnendt taucht in die Neonazi-Szene ein. Sein packender Debütfilm zeigt «national befreite Zonen» als Sammelbecken Gescheiterter – mit starken Nachwuchs-Schauspielern.

Ein Zug im ostdeutschen Niemandsland: Eine saufende, lärmende und gewalttätige Gruppe junger Leute steigt zu. Muskulöse Jungs sind ebenso tätowiert wie die Mädchen. In ihren Gesichtern spiegelt sich Wut und Hass. Scheinbar ziellos flegeln sie auf ihrer Suche nach Stress durch die Bahn, bis sie auf willkommene Opfer treffen: Sie vermöbeln einen Fahrgast, der anders aussieht, als sie es von ihren Mitbürgern erwarten.

Info

Kriegerin

 

Regie: David Wnendt, 103 min., Deutschland 2011;
mit: Alina Levshin, Jella Haase, Gerdy Zint

 

Website zum Film


Mit diesem Alptraum von Eröffnungsszene saugt Regisseur Wnendt das Publikum in seinen Debütfilm «Kriegerin». So wird seine Protagonistin Marisa (Alina Levshin) genannt. Den Spitznamen verpasste ihr Großvater dem Mädchen: Er wollte sie rechtzeitig auf die harte Realität vorbereiten, wenn schon kein Vater das übernimmt.

 

Mädchen nur bei Opa

 

Mittlerweile wartet Opa im Krankenhaus auf seinen Tod – den Marisas Mutter ebenso sehr herbeisehnt, wie die geliebte Enkelin ihn zu hinauszuzögern versucht. In seiner Nähe darf sie immer noch das kleine Mädchen sein, das Großpapa zur Kriegerin bestimmte.

Offizieller Film-Trailer


 

Verhaftung nach dem Liebes-Kampf

 

In ihrer Clique ist das anders. Marisa ist die Freundin von Sandro (Gerdy Zint): Der brutale, glatzköpfige Kerl führt den örtlichen Mob an – einer, den niemand zum Feind haben will. Er suchte in der Bahn das Opfer aus. Doch der barbarische Überfall bleibt nicht ungesühnt: Polizisten verhaften Sandro wenige Augenblicke nach seinem Liebesspiel mit Marisa, das einem Kampf ähnelte.

 

Während Sandro im Knast sitzt, treten zwei Menschen in Marisas Leben: Die pubertierende Svenja (Jella Haase) will aus der kleinbürgerlichen Welt ausbrechen, die Mutter und Stiefvater um sie herum errichten. Der junge Afghane Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) ist in Deutschland gestrandet und hofft auf Asyl in Schweden. Von Marisas offener Feindschaft lässt er sich nicht einschüchtern.

 

Afghanen in Graben abgedrängt

 

Obwohl die mit ihrem Auto auf der Landstraße Rasul und seinen Bruder Jamil auf einem Mofa in den Graben abdrängt. Rasul bleibt allein zurück und lässt sich nicht abschütteln: Er will in Marisa eine Verbündete gewinnen. Vom schlechten Gewissen geplagt, beginnt Marisa an ihrer Ideologie zu zweifeln und entdeckt ihre Menschlichkeit wieder.

 

Derweil behauptet sich Svenja in den grausamen Ritualen der rechtsextremen Jugend-Bande. Belehrungen von Mutter und Stiefvater verlieren schnell an Bedeutung. Als anerkanntes Gruppen-Mitglied eifert Svenja der von ihr bewunderten Kriegerin nach. Zugleich beschließt Marisa, dem Afghanen zu helfen und Svenja vor einem Werdegang wie ihrem eigenen zu bewahren. Ein Plan, der scheitern muss.

 

Explosiv-furiose Nazi-Bräute

 

Auch ohne die Morde der Zwickauer Zelle und das kollektive Erschrecken über die rechtsradikale Terror-Szene in Deutschland wäre der Film bemerkenswert – er hat bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Regisseur Wnendt, der auch das Drehbuch schrieb, bietet einen schonungslos authentischen Einblick in «national befreite Zonen» Ostdeutschlands.

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Lollipop Monster“ von Riemann/van Org mit Jella Haase in einer Hauptrolle

 

und hier einen kultiversum-Bericht zu „Picco“ von Philip Koch: ein Spielfilm über straffällige Jugendliche in der JVA.


Besonders eindringlich schildert er «Nazi-Bräute» – wie sich junge Frauen im rechtslastigen Milieu verhalten. Das gelingt ihm dank herausragender Nachwuchs-Schauspieler: der so knabenhaften wie explosiven Alina Levshin, der furiosen Jella Haase, die bereits in «Lollipop Monster» auf sich aufmerksam machte, und dem körperlich einschüchternden Gerdy Zint.

 

Das differenziert agierende Ensemble stellt glaubhaft dar, wie eine verrohte Jugend-Szene ihr Umfeld terrorisiert, das sich arrangiert, anstatt sich zu wehren. Ein Sammelbecken Gescheiterter, die sich allesamt auf ein schwächeres Feindbild einschießen: alles Fremde.


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