Jennifer Fox

My Reincarnation

Einzug nach Tibet: Khyentse Yeshe wird auf einem Pony in seine spirituelle Heimat geführt. Foto: © W-Film
(Kinostart: 2.2.) Langzeit-Beobachtung von Lamaismus-Lehrern: Regisseurin Fox hat den Alltag eines tibetischen Meisters und seines italienischen Sohnes 20 Jahre lang gefilmt. Ihre Doku ist amüsant, lebensklug und bisweilen unglaublich.

Der Buddhismus kennt viele Richtungen und Schulen – insbesondere in Tibet, wo er Lamaismus genannt wird. Für viele Tibeter ist Dzogchen die spirituelle Essenz des Buddhismus, der erlösende Weg zur Selbstbefreiung oder ganz schlicht: die große Vollkommenheit.

 

Info

My Reincarnation –
Wiederkehr

 


Regie: Jennifer Fox, 101 min., USA/ Italien u.a. 2011;
mit: Chögyal Namkhai Norbu Rinpoche, Khyentse Yeshe Rinpoche, 14. Dalai Lama

 

Website zum Film

Der tonangebende Meister dieser Lehre heißt Chögyal Namkhai Norbu; sein Ehrentitel und Rufname lautet Rinpoche. Er ist ein Trülku, d.h. die ernannte Wiedergeburt eines Dzogchen-Meisters, der von 1842 bis 1924 lebte, sowie von Shabdrung Ngawang Namgyal, der im 17. Jahrhundert das Himalaya-Königreich Bhutan gründete.

 

Professur in Neapel

 

Nach der gewaltsamen Besetzung und Annektierung Tibets durch chinesische Truppen 1959 flieht Namkhai Norbu nach Italien. In Neapel erhält er eine Professur für tibetische und mongolische Sprache und Literatur; dort heiratet er auch seine große Liebe. 1970 kommt ihr gemeinsamer Sohn Khyentse Yeshe zur Welt.


Offizieller Film-Trailer, englisch untertitelt


 

1000 Stunden Film-Material

 

Den Alltag des tibetischen Meisters und seines Sohnes, der in Italien aufwächst, hat Regisseurin Jennifer Fox geduldig begleitet. Das ist ihr Markenzeichen: Bereits die Dreharbeiten zu ihrem ersten Langfilm «Beirut: The Last Home Movie» über das Leben einer mondänen Familie während des libanesischen Bürgerkriegs dauerten fünf Jahre. Mit «My Reincarnation» übertrifft sie sich selbst: Ihre 1989 gestartete Langzeit-Beobachtung schloss sie 20 Jahre später ab – dabei kamen 1000 Stunden Film-Material zusammen.

 

Sohn Khyentse Yeshe wird früh als Reinkarnation seines Großonkels Khyentse Chökyi Wangchuk erkannt. Doch bei Drehbeginn will Yeshe nichts von seiner tibetischen Vergangenheit wissen. Nach dem Abitur studiert er Philosophie und Informatik; anschließend tritt er eine Stelle bei IBM an. Zu seinem Vater hat er kaum Kontakt; der tourt ständig im Auftrag der spirituellen Unterweisung um den Globus.

 

Dalai Lama zu Besuch

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Mythos Goldenes Dreieck" über buddhistische Berg-Völker in Südostasien im Ethnologischen Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Indiens Tibet – Tibets Indien" zum kulturellen Vermächtnis des Westhimalaya im Linden-Museum, Stuttgart

 

und hier einen kultiversum-Bericht über die Ausstellung "Bhutan – Heilige Kunst aus dem Himalaya" im Museum Rietberg, Zürich.

Yeshe ist zunächst schwer genervt vom religiösen Umfeld seines Vaters: Beim Besuch des Dalai Lamas versucht er verzweifelt, dessen lächelnden Blicken auszuweichen. Doch als Erwachsener beginnt er auf seinen Geschäftsreisen mit Meditationsübungen. Auf einen Gong-Schlag wendet sich das Blatt – zum Glück für den Film.

 

So amüsant die Geschichte eines Teenagers anzusehen ist, der sich der Spiritualität seiner Herkunft verweigert, so unglaublich mutet sein Wandel zum angehenden Guru an. Yeshe erzählt von Visionen, in denen er kaum verständliche philosophische Ratschläge erhält und Orte imaginiert, die er vermeintlich noch nie gesehen hat. Irgendwann reist er nach Tibet – und erkennt so einiges wieder.

 

Familien-Porträt mit Alltags-Wundern

 

Der Film beschränkt sich auf den Werdegang von Yeshe und sein merkwürdig distanziertes Verhältnis zum Vater. Gottlob vermeidet er ausufernde Einblicke in die Dzogchen-Lehre!

 

Stattdessen konzentriert er sich klugerweise auf das Porträt einer Familie, in der Wunder alltäglich sind – ein durchaus Spielfilm-tauglicher Stoff. Gläubige Buddhisten müssen dennoch auf hilfreiche Lebensweisheiten nicht verzichten: Die bleiben in «My Reincarnation» nicht aus.


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