Karlsruhe

The Global Contemporary – Kunstwelten nach 1989

Nigerianische Film-Stars in vollem Ornat: Pieter Hugo: „Nollywood. Chris Nkulo and Patience Umeh. Enugu, Nigeria“, 2008; C-print, 110 x 110 cm, gerahmt. Foto: © Pieter Hugo
Der weltweite Kunstbetrieb ändert sich radikal: Auktions-Rekorde und Bilder-Inflation in China, neue Museen für das Publikum in Schwellenländern. Eine spektakuläre Ausstellung im ZKM zeigt die Trendwende – quietschbunt und lautstark.

Kennen Sie Wang Mêng und Qi Baishi? Falls nicht, sind Ihnen die jüngsten Kapriolen des Kunstmarkts entgangen: Werke der beiden chinesischen Künstler haben 2011 Rekord-Erlöse erzielt. Wangs Tuschemalerei „Der Umzug von Ge Zhichuan“ aus dem Jahr 1360 wurde für umgerechnet 62 Millionen US-Dollar zugeschlagen, Qis Tuschezeichnung „Adler auf einem Kiefernstamm“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts für 65 Millionen Dollar – auf Auktionen in Peking. Das Unternehmen „Poly Auction House“, das Wangs Gemälde versteigerte, existiert erst seit 2005.

 

Info

 

The Global Contemporary – Kunstwelten nach 1989

 

17.09.2011 - 05.02.2012
mittwochs bis freitags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM / Museum für Neue Kunst, Lorenzstr. 19, Karlsruhe

 

Katalog-Zeitung kostenlos

 

Website zur Ausstellung

 


Solche Fabelpreise für Arbeiten, deren Schöpfer im Westen nur Spezialisten bekannt sind, machen deutlich, wie sich die Schwergewichte im globalen Kunsthandel verschoben haben. Die Verkaufs-Charts werden nicht mehr von üblichen Verdächtigen der klassischen Moderne, Zeitgenossen oder Alten Meistern angeführt, sondern von Spitzenwerken aus anderen Kulturkreisen. Dort sind manche Sammler mittlerweile so reich, dass sie bis in astronomische Höhen bieten können.

 

Indiens erster Spekulations-Crash

 

Den Boom in China haben westliche Medien und Investoren inzwischen bemerkt. Doch auch in anderen Weltgegenden etabliert sich ein florierender Kunstmarkt: Indien hat bereits seine erste Spekulations-Blase mit heimischen Werken erlebt, gefolgt vom ersten Crash. In der Golf-Region werden für Meisterstücke der Kalligraphie und erlesenes Kunsthandwerk horrende Summen bezahlt. In Lateinamerika und Südostasien etablieren sich immer mehr Gegenwartskunst-Galerien für eine konsumfreudige urbane Klientel.

Feature über die Ausstellung; © ZKM

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Kunst-Betrieb wird umgekrempelt

 

Diesen tektonischen Verwerfungen im weltweiten Kunstbetrieb ist die Ausstellung „The Global Contemporary“ des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) gewidmet. Atemraubende Wertsteigerungen betrachtet die Schau mit Beiträgen von rund 120 Künstlern und Kollektiven aus aller Welt nur als Schaumgekräusel an der Oberfläche.

 

Das umfassend angelegte Projekt, das 2006 mit einer Konferenz-Serie begann, schürft wesentlich tiefer: Es fördert Paradigmen-Wechsel zutage, die langfristig das herkömmliche Verständnis von Kunst-Produktion und –Rezeption völlig umkrempeln dürften.

 

Bummel über Rummel-Platz

 

Alles so schön bunt hier: Es leuchtet, blinkt, piepst und plärrt auf zwei Etagen im „Museum für Neue Kunst“, das 1999 in der ehemaligen Waffenfabrik von Karlsruhe eingerichtet und 2005 ins ZKM integriert wurde. Etliche Exponate sind raumgreifende Installationen, die mit marktschreierischen Effekten auf sich aufmerksam machen; der Rundgang ähnelt einem Bummel über den Rummelplatz.

 

Dabei wirken die meisten Arbeiten keineswegs eindimensional, sondern vieldeutig und subtil. Nur ist ihr Zielpublikum stärkere Sinnesreize gewohnt als bedächtige Bildungsbürger, die westliche white cubes bevölkern – dem tragen die Künstler Rechnung.

 

Alptraum für Islamophobiker

 

Etwa die russische „AES Group“ mit ihrer Installation „Oasis“ aus dem Jahr 2000: Das Beduinenzelt ist mit handgeknüpften Teppichen ausgelegt, die Seiten füllen Digital-Drucke auf Seide. Sie zeigen berühmte Bauwerke wie Kreml, Kolosseum oder den Reichstag mit Minaretten und Moschee-Kuppeln – ein Alptraum für Islamophobiker, entstanden noch vor dem 11. September.

 

Symbole in der Moulinette

 

Ein optischer culture clash aus gewöhnlich Unvereinbarem prägt viele Werke: Bedenkenlos werden weltweit bekannte und verständliche Symbole, Signets und Medienbilder in der ikonographischen Moulinette verhackstückt. Am radikalsten von Navin Rawanchaikul aus Thailand mit seinem Monumental-Gemälde „Super China!“ von 2009.

 

Auf 13 mal 3 Metern drängen sich Hunderte von Figuren aus der chinesischen Geschichte und Gegenwart im farbenprächtigen Stil eines Bollywood-Filmplakats. Ein Wimmelbild wie auf dem Bauernkriegs-Panorama von Werner Tübke als asiatische Trash-Pop-Persiflage.

 

Millionen von Kopien jährlich

 

Wobei sich diese Gigantomanie noch steigern lässt: Die chinesische Gemeinde Dafen hat sich auf die Massenfertigung von Klassikern der Kunstgeschichte spezialisiert. Tausende von Auftragsmalern pinseln jährlich Millionen von Reproduktionen, die en gros vertrieben werden. Nun leistet sich Dafen ein Museum.

 

Hintergrund

 

 

Lesen Sie hier eine Rezension des 4. Fotofestival "The eye is a lonely hunter - Images of humankind" in Mannheim, Ludwigshafen + Heidelberg

 

und hier eine Reportage über die Debatte zu "China und die Aufklärung" - eine ARTE-TV-Doku über das PR-Desaster einer deutschen Kunst-Ausstellung in Peking

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "ASIA: Looking South" über die Kunst-Szene Südostasiens in der Galerie ARNDT, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "The Last Harvest" über Rabindranath Tagore als modernen Maler Indiens im Museum für Asiatische Kunst, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Debatte "Ai Weiwei: art, dissidence and resistance" zur Reaktionen in China auf die Inhaftierung des Künstlers im Haus der Kunst, München

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Die Macht des Schenkens" zum Exponate-Austausch von deutschen Museen in Dresden und indianischen in Kanada.

 


Ansichten des Rohbaus ließ der Deutsche Christian Jankowski von Kopisten in Ölschinken darstellen; auf den noch leeren Wänden sollten sie Werke platzieren, die sie dort gerne sähen. Den Kuratoren-Job übernimmt die Schwarm-Intelligenz malender Ameisen. Sie stellen ein Potpourri populärer Motive von flämischen Stillleben bis zu Foto-Postern zusammen.

 

Museum als Volkshochschule

 

Solche Museen sind keine der traditionellen Trias von Sammeln, Bewahren und Forschen geweihten Kunsttempel mehr. Stattdessen haben sie in Ländern, die sie früher allenfalls als Kolonial-Import kannten, diverse Funktionen von der Volkshochschule bis zum Themenpark: Spielwiesen gesellschaftlicher Selbstverständigung in ansonsten funktional festgelegten Lebenswelten. Ähnliche Aufgaben übernehmen „Art Spaces“ und Galerien. Sie schaffen informelle Öffentlichkeit und stellen Freiräume für Kreativität bereit.

 

Für Prestige-Bedürfnisse und Geschäftemacherei haben die meisten Künstler nur Spott übrig. Nicht als große Verweigerung, indem sie nicht kommerzialisierbare Konzepte verfolgten, sondern als ironische Affirmation: Mechanismen des Kunstbetriebs werden ins Absurde gesteigert.

 

Pop-Art kostet 36 Eier

 

Das dänische Trio „Superflex“ lädt zum Rollenspiel ein. Der „Künstler“ wirft eine Kartoffel, der „Sammler“ zertrümmert sie mit dem Hammer – seine Aneignung zerstört das Werk. Die ukrainische „SOSka group“ tauscht mit Dörflern Kunstdrucke gegen Nahrungsmittel: Roy Lichtenstein ist 36 Eier, Cindy Sherman ein Huhn wert. Der Thai Surasi Kusolwong veranstaltet in der Tate Modern einen Ramsch-Flohmarkt und versteigert Kunstkataloge für Kleingeld.

 

Derartige Strategien der Inflationierung lösen die Aura des Originals auf und reduzieren Kunst auf ihren Gebrauchswert: Objekt der reinen Anschauung für alles Mögliche von Identitätssuche bis Sozialkritik. Wobei Elemente aus E- und U-Kultur beliebig kombiniert werden, um plakative bis kryptische Botschaften zu verbreiten; die Meistererzählungen der Moderne haben ausgedient.

 

Wie in Holland des 17. Jahrhunderts

 

Ihre Geltungs-Ansprüche nivelliert dieser Eklektizismus zum grellen Formenspiel. Das führt den Kunstmarkt zu seinen Anfängen auf den Wochenmärkten im Goldenen Zeitalter der Niederlande zurück: Sinnesfrohe Bilder- und Bildungs-Angebote zwischen Lebensmitteln und Haushaltsbedarf für eine preisbewusste Laufkundschaft.


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