Karlsruhe

The Global Contemporary – Kunstwelten nach 1989

Urlaub im türkischen All-inclusive-Resort vor Moskauer Kulisse: Anna Jermolaewa: „Kremlin Doppelgänger“, 2009; Fotoserie, je 50 x 35cm, gerahmt. Foto: Courtesy Kerstin Engholm Galerie, Wien
Der weltweite Kunstbetrieb ändert sich radikal: Auktions-Rekorde und Bilder-Inflation in China, neue Museen für das Publikum in Schwellenländern. Eine spektakuläre Ausstellung im ZKM zeigt die Trendwende – quietschbunt und lautstark.

Kennen Sie Wang Mêng und Qi Baishi? Falls nicht, sind Ihnen die jüngsten Kapriolen des Kunstmarkts entgangen: Werke der beiden chinesischen Künstler haben 2011 Rekord-Erlöse erzielt. Wangs Tuschemalerei „Der Umzug von Ge Zhichuan“ aus dem Jahr 1360 wurde für umgerechnet 62 Millionen US-Dollar zugeschlagen, Qis Tuschezeichnung „Adler auf einem Kiefernstamm“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts für 65 Millionen Dollar – auf Auktionen in Peking. Das Unternehmen „Poly Auction House“, das Wangs Gemälde versteigerte, existiert erst seit 2005.

 

Info

The Global Contemporary – Kunstwelten nach 1989

 

17.09.2011 - 05.02.2012
mittwochs bis freitags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM / Museum für Neue Kunst, Lorenzstr. 19, Karlsruhe

 

Katalog-Zeitung kostenlos

 

Website zur Ausstellung


Solche Fabelpreise für Arbeiten, deren Schöpfer im Westen nur Spezialisten bekannt sind, machen deutlich, wie sich die Schwergewichte im globalen Kunsthandel verschoben haben. Die Verkaufs-Charts werden nicht mehr von üblichen Verdächtigen der klassischen Moderne, Zeitgenossen oder Alten Meistern angeführt, sondern von Spitzenwerken aus anderen Kulturkreisen. Dort sind manche Sammler mittlerweile so reich, dass sie bis in astronomische Höhen bieten können.

 

Indiens erster Spekulations-Crash

 

Den Boom in China haben westliche Medien und Investoren inzwischen bemerkt. Doch auch in anderen Weltgegenden etabliert sich ein florierender Kunstmarkt: Indien hat bereits seine erste Spekulations-Blase mit heimischen Werken erlebt, gefolgt vom ersten Crash. In der Golf-Region werden für Meisterstücke der Kalligraphie und erlesenes Kunsthandwerk horrende Summen bezahlt. In Lateinamerika und Südostasien etablieren sich immer mehr Gegenwartskunst-Galerien für eine konsumfreudige urbane Klientel.

 


Interview mit Kuratorin Andrea Buddensieg und Impressionen der Ausstellung


 

Kunst-Betrieb wird umgekrempelt

 

Diesen tektonischen Verwerfungen im weltweiten Kunstbetrieb ist die Ausstellung „The Global Contemporary“ des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) gewidmet. Atemraubende Wertsteigerungen betrachtet die Schau mit Beiträgen von rund 120 Künstlern und Kollektiven aus aller Welt nur als Schaumgekräusel an der Oberfläche.

 

Das umfassend angelegte Projekt, das 2006 mit einer Konferenz-Serie begann, schürft wesentlich tiefer: Es fördert Paradigmen-Wechsel zutage, die langfristig das herkömmliche Verständnis von Kunst-Produktion und –Rezeption völlig umkrempeln dürften.

 

Bummel über Rummel-Platz

 

Alles so schön bunt hier: Es leuchtet, blinkt, piepst und plärrt auf zwei Etagen im „Museum für Neue Kunst“, das 1999 in der ehemaligen Waffenfabrik von Karlsruhe eingerichtet und 2005 ins ZKM integriert wurde. Etliche Exponate sind raumgreifende Installationen, die mit marktschreierischen Effekten auf sich aufmerksam machen; der Rundgang ähnelt einem Bummel über den Rummelplatz.

 

Dabei wirken die meisten Arbeiten keineswegs eindimensional, sondern vieldeutig und subtil. Nur ist ihr Zielpublikum stärkere Sinnesreize gewohnt als bedächtige Bildungsbürger, die westliche white cubes bevölkern – dem tragen die Künstler Rechnung.

 

Alptraum für Islamophobiker

 

Etwa die russische „AES Group“ mit ihrer Installation „Oasis“ aus dem Jahr 2000: Das Beduinenzelt ist mit handgeknüpften Teppichen ausgelegt, die Seiten füllen Digital-Drucke auf Seide. Sie zeigen berühmte Bauwerke wie Kreml, Kolosseum oder den Reichstag mit Minaretten und Moschee-Kuppeln – ein Alptraum für Islamophobiker, entstanden noch vor dem 11. September.


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