Gary Oldman

Dame König As Spion

Der Spion, der in die Kälte fliegt: George Smiley (Gary Oldman) grillt seinen Kollegen Toby Esterhase (David Dencik). Foto: Studiocanal

(Kinostart: 2.2.) Die bleierne Zeit: Die Neuverfilmung des Spionage-Thrillers von John le Carré beschwört formvollendet 70er-Jahre-Tristesse herauf. Regisseur Tomas Alfredson zeichnet feinsinnige Psychogramme paranoider Top-Agenten.

Diese altmodische Technik! Diese klobigen Kippschalter, mechanisch klappernden Schreibmaschinen, felgengroßen Tonband-Spulen und massigen Telefon-Hörer! Wer in der britischen Geheimdienst-Zentrale am Cambridge Circus – von Eingeweihten nur «Circus» genannt – anruft, wird mit dem hauseigenen Fräulein vom Amt verbunden.

Info

Dame, König, As, Spion

 

Regie: Tomas Alfredson, 127 min., Großbritannien 2011;
mit: Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt

 

Website zum Film


Wer eine verschlüsselte Botschaft übertragen will, muss einen ratternden Fernschreiber in Cembalo-Größe bedienen. Und damit hat der Westen den Kalten Krieg gewonnen!? In der Tat – die Agenten-Ausstattung im Ostblock war noch plumper und unzuverlässiger.

 

Period piece für Connoisseure

 

Die Neuverfilmung des klassischen Spionage-Thrillers «Dame König As Spion» von John le Carré ist ein period piece für Connoisseure der 1970er Jahre: So formvollendet wurde ihre Tristesse selten dargestellt. Jedes Detail stimmt – und alles ist durchwebt vom Grauschleier einer Ära, in der die ganze Welt fein säuberlich in Freund und Feind aufgeteilt war.


Offizieller Film-Trailer


 

Bleierne Zeit im endlosen Herbst

 

Der Circus ist eine kafkaeske Monster-Behörde aus düsteren Gängen, tonnenschweren Stahltüren, abhörsicheren Konferenz-Räumen und endlosen Archiv-Regalen, auf denen Kilometer staubiger Akten lagern. Sie werden mit Rollwagen und Paternostern von A nach B befördert.

 

Kollegen kommen und gehen in einem dauertrüben London, in dem die Sonne nie scheint. Die «bleierne Zeit» hat man diese routinierte Spätphase des Kalten Kriegs getauft, während des RAF-Terrors auch «Deutschland im Herbst» – und dieser Herbst schien nimmermehr aufzuhören.

 

Die alte Garde muss gehen

 

Wie der Systemkonflikt von Kapitalismus gegen Kommunismus: Im Kleinkrieg der Geheimdienste hat der KGB einen Punktsieg erzielt. Ein von Circus-Chef Control (John Hurt) angeleierte Operation läuft völlig aus dem Ruder. Top-Agent Jim Prideaux (Mark Strong) wird in Budapest angeschossen und nach Moskau verschleppt. Die alte Garde muss ihren Hut nehmen: Neben Control auch sein Vize George Smiley (Gary Oldman) und die Recherche-Leiterin Connie Sachs.

 

Offenbar gibt es im Circus einen hochrangigen Maulwurf, der Interna an den KGB verrät. Den soll Smiley inkognito im Auftrag des Verteidigungs-Ministeriums aufspüren. Eine viel versprechende Fährte liefert der untergetauchte Außendienst-Spion Ricki Tarr (Tom Hardy): Ihm hatte die KGB-Überläuferin Irina (Svetlana Khodchenkova) in Istanbul brisantes Material versprochen. Doch Tarrs Eilmeldung an den Circus verschwand dort spurlos.

 

Absurde Sandkasten-Spiele mit Karla

 

Wie Smiley mit schierer Kombinatorik das Puzzle Teil für Teil zusammenfügt und den Verräter in den eigenen Reihen enttarnt, mag Krimi-Fans begeistern. Doch auf seine Finten und Winkelzüge kommt es kaum an; letztlich laufen sie alle auf die Frontstellung Circus gegen «Karla» hinaus. So heißt intern der KGB-Chef, den Smiley 1955 umdrehen wollte, was ihm nicht gelang.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Hauptdarsteller Gary Oldman

 

und hier eine Besprechung der Doku “The Real American – Joe McCarthy” von Lutz Hachmeister über den US-Kommunistenjäger der 1950er Jahre

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945 – 1968” mit Kunst der Nachkriegszeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin.


Wesentlich spannender ist das Psychogramm von Geheimdienst-Profis, das Regisseur Tomas Alfredson mit feinsinnigem Gespür zeichnet: ein verschworener Haufen, der sein Leben absurden Sandkasten-Spielen widmet. Wofür er alles andere opfert: Privatleben, Freunde und Partner.

 

Metaphysische Melancholie

 

Bis die Kollegen Schreibtischtäter zur hassgeliebten Ersatz-Familie geworden sind. In der keiner dem Anderen wirklich über den Weg traut: Alles ist so geheim wie gefährlich, und Verrat lauert überall. Ein irrlichterndes Dasein im Schutz von Decknamen, Codewörtern und falschen Papieren.

 

Diese surreale Atmosphäre beschwört der Film perfekt herauf. Mit abschreckender Wirkung für Berufsanfänger, die mit einer Karriere beim Nachrichtendienst liebäugeln: Wer diesen hoch qualifizierten Kaputtniks nacheifern wollte, schlösse mit seinem Leben ab, bevor es begonnen hat. Ihm bliebe nur die metaphysische Melancholie, der sich der verwitterte Smiley stumm ergibt.


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