Los Angeles

Die Kino-Vergangenheit hat Zukunft

Michel Hazanavicius, Regisseur von «The Artist», mit der Auszeichnung für den besten Film. Foto: oscars.org
Retro-Welle in Hollywood: Bei der Oscar-Vergabe räumten mit «The Artist» und «Hugo Cabret» zwei Rückblicke auf die Stummfilm-Ära ab. Eine wegweisende Entscheidung: Die Film-Industrie entwickelt Geschichts-Bewusstsein.

Zwei Filme waren bei der diesjährigen Oscar-Verleihung mit zehn und elf Nominierungen die haushohen Favoriten – ihr Duell ging unentschieden, aber eindeutig aus. Unentschieden, weil sowohl «The Artist» als auch «Hugo Cabret» mit je fünf Academy Awards bedacht wurden. Eindeutig, weil «The Artist» alle bedeutenden Kategorien gewann: bester Film, bester Hauptdarsteller Jean Dujardin, beste Regie von Michel Hazanavicius, beste Musik und Kostüme.

 

Dagegen erhielt «Hugo Cabret» von Martin Scorsese fünf Trostpreise: für die beste Kamera und Ausstattung, den besten Ton-Mix und Ton-Schnitt sowie die besten visuellen Effekte. Dennoch war das klare Votum der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas) in seiner fein austarierten Balance ein Plädoyer für die Rückkehr des Kinos zu seinen Wurzeln.

Offizieller Film-Trailer von «The Artist»: fünf Oscars, darunter für den besten Film


 

Beide Filme lassen die Stummfilm-Zeit wieder aufleben: «The Artist» mit einem stilistisch perfekten Remake-Melodram, «Hugo Cabret» mit neuester 3D-Tricktechnik für eine Hommage an Film-Pionier Georges Méliès. Zu dieser Rückbesinnung auf die Anfänge passten auch alle übrigen Einzel-Entscheidungen, die ausnahmslos bewährte Kräfte ehrten.

 

Bestes Drehbuch: Zeitreise nach Paris

 

Für das beste Original-Drehbuch wurde «Midnight in Paris» von Woody Allen ausgezeichnet. Der Nestor des US-Autorenkinos versetzt in seinem 42. Film einen Literatur-Liebhaber ins Paris der Goldenen 1920er Jahre. Dort laufen ihm Scott Fitzgerald, Gertrude Stein, Picasso, Dalí und Buñuel über den Weg – noch eine nostalgieselige Zeitreise.

 

Zur besten Hauptdarstellerin wurde Meryl Streep für ihre Rolle als Margaret Thatcher in «Die eiserne Lady» gekürt. Es war der dritte Oscar für Streep und ihre 17. Nominierung; das Biopic über die bedeutendste Polit-Dinosaurierin des 20. Jahrhunderts läuft diese Woche in Deutschland an.


Offizieller Film-Trailer von «Die eiserne Lady»: Oscar für Meryl Streep als beste Hauptdarstellerin


 

Schwules Coming-Out mit 82 Jahren

 

Bester Nebendarsteller wurde Christopher Plummer: In der wundervoll zartfühlenden Tragikomödie «Beginners» wagt er im hohen Rentenalter sein schwules Coming-Out, womit er seinen Sohn völlig verwirrt. Plummer ist mittlerweile 82 Jahre alt – und damit der älteste Preisträger aller Zeiten in dieser Kategorie.

 

Auch in «The Descendants» von Alexander Payne mit George Clooney geht es um den Zusammenhalt der Generationen und Verpflichtungen gegenüber Nachkommen: mit einem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Angesichts all dieser altehrwürdigen Preisträger darf der 40-jährige Regisseur Ashgar Farhadi aus dem Iran beinahe als Nachwuchs-Kraft gelten.

 

Auslands-Oscar für Berlinale-Gewinner 2011

 

Sein fünfter Film «Nader und Simin – eine Trennung» gewann nach der Berlinale 2011 verdientermaßen auch den Auslands-Oscar. Mit deutlichem Bezug zur Kino-Tradition: Farhadis brillante Scheidungs-Studie ist erkennbar an die psychologischen Beziehungs-Dramen von Altmeister Ingmar Bergman angelehnt – den das Filmfestival von Cannes 1997 zum «besten Regisseur aller Zeiten» erklärte. 


Offizieller Film-Trailer von «Nader und Simin - eine Trennung»: Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film


 

Also alles retro, oder was? Verklären die 6.000 Amsap-Mitglieder, von denen rund die Hälfte älter als 60 Jahre ist, ihre eigene Herkunft? Verweigert sich das Kommerz-Kino dem 21. Jahrhundert – während sein Geschäft durch amateurhafte Produktionen und Gratis-Downloads aus dem Internet bedroht wird?

 


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