Potsdam

Georg Baselitz: Berliner Jahre

Die Hand - Das brennende Haus, 1964/65, Öl auf Leinwand, 135 x 99 cm. Foto: Jochen Littkemann
Ost-West-Schizophrenie auf der Leinwand: Die Villa Schöningen kontrastiert die Anfänge von Georg Baselitz mit «Remixen», in denen er an Motive aus seinem Frühwerk anknüpft – eine aufschlussreiche Gegenüberstellung.

Ein deformiertes menschliches Wesen hält sein Geschlechtsteil umklammert. Animalisch und krank; die Szene ist düster und hilflos. Das Gemälde ist Teil der Serie «Große Nacht im Eimer», die Georg Baselitz Anfang der 1960er Jahre schuf: eines der Bilder, die ihm so viel bedeuteten, dass er sie selbst behielt.

 

Info

Georg Baselitz: Berliner Jahre - Bilder aus der Sammlung Baselitz

 

04.02.2012 - 01.08.2012
täglich außer montags 11 - 18 Uhr, am Wochenende ab 10 Uhr in der Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam

 

Weitere Informationen

Wenige Künstler sammeln so akribisch und systematisch eigene Werke wie Georg Baselitz. Er kauft ältere Werke zuweilen teuer zurück, weil ihm deren Wert erst später bewusst wird. Eine Ausstellung aus solch einem Fundus bietet dem Besucher die seltene Gelegenheit zur intimen Annäherung an einen Künstler. Den erlaubt die Ausstellung in der klassizistischen Villa Schöningen; Springer-Verlags-Chef Matthias Döpfner rettete sie vor dem Verfall und betreibt sie nun als Privatmuseum.

 

Dunkles Frühwerk, lichte Remixe

 

Zu sehen sind 21 Exponate, hauptsächlich aus dem Frühwerk der 1960er Jahre. Sie zeigen einen ehrgeizigen, wütenden und zornigen jungen Maler. Kontrastiert werden diese Werke mit wenige Jahre alten, als «Remixe» betitelten Großformaten. In ihnen greift Baselitz auf die Motive seiner Jugendjahre zurück, verzichtet aber auf das Schwere und die Dichte, die seine Arbeiten in jener Zeit prägten. Die «Remixe» sind lichte und bunte Aquarelle: Sie kombinieren Spritztechniken mit breiten, große Flächen ausfüllenden Strichen.

 

Wie anders wirkt da das Frühwerk: dunkler, sorgfältiger und aggressiver. Aus Gemälden wie «Die große Nacht im Eimer» oder «Dezemberfreude, ich bin dein Tod» springt den Betrachter Existenzielles an: eine physische Katastrophe, Angst vor einer nicht enden wollenden Verwüstung.

 

Rausch vertieft die Abgründe

 

Als Baselitz nach Berlin kam, lag die Stadt noch weitgehend in Trümmern. Nichtsdestoweniger versuchte sie, das Trauma des Krieges mit dem Anschein von Normalität zu übertünchen. Baselitz hat diese Schizophrenie in beiden deutschen Systemen erlebt: zuerst an der Kunsthochschule in Ostberlin, danach im Westteil der Stadt. Und er malte dagegen an; wütend, wie im Rausch.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968" über Kunst der Nachkriegszeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Übermalt. Verwischt. Ausgelöscht" über das Porträt im 20. Jahrhundert mit Werken von Georg Baselitz in der Hamburger Kunsthalle.

Das spricht er auf einem der Manifeste und Plakate aus, die die Ausstellung ergänzen. Im «Zweiten Pandämonium», das er gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Eugen Schönebeck verfasste, heißt es: «Der Rausch vertieft die Abgründe». Der Wahnsinn, der in seinen Texten und Bildern aufscheint, spiegelt den der Gesellschaft: bedrohliche, mitunter kaum zu identifizierende Wesen mit Schweinsaugen oder groben Armen sowie in keine Schublade passende Porträts.

 

Gemälde beschlagnahmt

 

Baselitz malte an den zeitgenössischen Schulen konsequent vorbei. Er brach mit den figurativen Traditionen im Osten und fügte sich ebenso wenig in den abstrakten Mainstream der westlichen Kunst ein. Das sorgte anfangs für Verwirrung und sicherte seinem Werk später einen bleibenden Einfluss.

 

Die Zeit in Berlin war für Georg Baselitz eine Phase des Erprobens und Suchens. Hier wurden seine drei ersten Ausstellungen gezeigt, was nicht ohne Skandale ablief, wie etwa der Beschlagnahmung einiger Gemälde. Nach wenigen Jahren zog er sich aufs Land zurück. Nun kontrastiert diese Ausstellung seine Anfänge mit der remixenden Rückkehr zu ihnen – eine aufschlussreiche Gegenüberstellung.


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