Berlin

Gerhard Richter: Panorama

Gerhard Richter: Betty, 1977, 30 x 40 cm, Öl auf Holz; Museum Ludwig, Köln / Privatsammlung. Foto: © Gerhard Richter, 2012

Eine Retrospektive, die keine sein will, sondern eine Hommage an den berühmtesten deutschen Künstler. Ihn zeigt die Neue Nationalgalerie als Rollen-Modell einer Gesellschaft, die alles akzeptiert – sofern es perfekt ist.

Das Erstaunlichste an Gerhard Richter ist sein phänomenaler Erfolg. Er gilt unbestritten als Deutschlands bedeutendster lebender Künstler; seine Berühmtheit steigert der Kunstmarkt mit immer höheren Rekord-Erlösen. Der letzte deutsche Künstler mit derartiger Ausnahme-Stellung war Joseph Beuys. Doch der Erfinder der «sozialen Plastik», der jeden Menschen zum Künstler erhob, blieb stets umstritten. Auf Gerhard Richter können sich alle einigen.

 

Info

Gerhard Richter: Panorama

 

12.02.2012 – 13.05.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstagsbis 22 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Berlin

 

Katalog 29 €,
auf Englisch 35 €

 

Website zur Ausstellung

 

Gerhard Richter: Editionen 1965 – 2011

 

taglich außer montags 12 bis 18 Uhr im me Collectors Room, Auguststr. 68, Berlin

 

Weitere Informationen


Nichts Neues in der Kulturnation, die den Geniekult und das Gesamtkunstwerk hervorgebracht hat. Herausragende Meister wie Dürer, Michelangelo, Rembrandt oder Wagner genossen hierzulande schon immer kultische Verehrung – dafür mussten sie keine Deutschen sein. Allerdings waren sich diese Olympier ihres Ruhms stets bewusst und beförderten ihn selbst nach Kräften: Sie wollten Zentralgestirne ihrer Epoche sein. Bei Richter verhält es sich anders.

 

Virtuose der Untertreibung

 

Er ist ein Künstlerfürst, der niemals Hof hält. Ein Virtuose, der zur Untertreibung neigt. Ein Star, der gern durch Abwesenheit glänzt. Und sich dem Zwang zur Selbstdarstellung in der Informations-Gesellschaft schelmisch widersetzt. Wodurch er umso mehr Interesse an seiner Person auf sich zieht – das er mit lässiger Geste auf sein Werk lenkt.

 

Wie bei der großen Gedenk-Ausstellung von rund 140 Arbeiten zu seinem 80. Geburtstag in der Neuen Nationalgalerie. Obwohl sie eine enzyklopädische Übersicht über sein Œuvre bietet, ist sie weder als Retrospektive noch als Werkschau betitelt. Sondern als «Panorama» – eine Rundumschau, die simultan das Nächste wie das Fernste erfasst. Mit einem kongenialen Kunstgriff: Bis auf wenige Ausnahmen sind die Exponate chronologisch angeordnet.


Interview mit Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann und Impressionen der Ausstellung in der Nationalgalerie


 

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

 

Das ergäbe normalerweise eine leicht fassliche Abfolge, die Phasen kenntlich und Entwicklungen nachvollziehbar macht. Nicht bei Richter: Durch strenge zeitliche Reihung springt die unerhörte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ins Auge. Abstrakte Riesenformate hängen neben kleinteilig Gegenständlichem, Experimente aller Art neben altmeisterlich anmutendem Realismus. Richter wechselt die Stile und Malweisen je nach Gegenstand und selbst gestellter Bild-Aufgabe – und löst jede bravourös.

 

Zudem nutzt die Schau die Offenheit des Altar-Baus von Mies van der Rohe konsequent aus: Weite Räume sorgen für ständig wechselnde Konstellationen und Blick-Beziehungen. Eingefasst wird sie durch das Mammut-Werk «4900 Farben» von 2007: 196 Tafeln mit je 25 Emaille-Quadraten, deren Farben zufällig angeordnet sind. Dieser Mega-Fries umgürtet sinnfällig den Kunst-Bezirk und trennt die profane Außenwelt vom Reich der Freiheit, in dem alles möglich ist. Was Richter radikal auslotet; getreu seinem bekannten Diktum, «zu erproben, was Malerei überhaupt noch kann und darf».

 

Bilder im Zwischenraum

 

Hier spricht kein Kunst-Papst, der das älteste Medium in seine Schranken weist. Sondern ein Grundlagen-Forscher, dem alle malerischen Mittel zu Gebote stehen – und der sie nach Belieben kombiniert und kontrastiert, um Korrespondenzen und das Kontinuum in allem künstlerischen Tun aufzuspüren. Bereits in der ersten Arbeit der Werkliste nach seiner Übersiedelung aus der DDR in die Bundesrepublik 1961, mit der er sich quasi selbst neu erfand: Die Grisaille «Tisch» zeigt einen solchen, verdeckt durch einen grauen Wirbel.

 

Hier prallen nicht nur Figuration und Abstraktion aufeinander, die damals dogmatisch getrennt wurden, sondern auch ihre Systeme der Deutung und Rechtfertigung. Das Bild entzieht sich allen Denkschulen, indem es einen Zwischenraum besetzt. Den Richter planvoll in alle Richtungen erweitert. Etwa mit seinen Gemälden verwischt abgemalter Fotos, die seinerzeit als fotorealistisch galten.

 


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