Jean-Pierre + Luc Dardenne

Illusionen verlieren wie im Märchen

Interview mit den Brüdern Dardenne: Luc Dardenne spricht. Foto: ohe
In «Der Junge mit dem Fahrrad» nimmt sich eine Friseurin eines Jungen an, der von seinem Vater im Stich gelassen wird. Ein Gespräch über Filmemachen unter Brüdern, Kinder als Hauptdarsteller und einfache Fragen ans Leben.

Wie arbeiten Sie als Brüder zusammen? Sind Sie ein eingespieltes Team, das gemeinsam das Drehbuch verfasst, die Gelder beschafft und die Produktion abwickelt?

 

Luc: Da gibt es keine Regeln. Manchmal machen wir sechs Monate lang gar nichts. Wir brauchen Zeit.

 

Jean-Pierre: Ein Freund sagte uns einmal, was wir beim Filmemachen erlebten, sei wie eine Strafe, die nicht verkürzt werden kann. Jedes Mal würden wir gerne schneller werden, aber es klappt nicht.

 

Immer einer Meinung

 

Auch wenn Sie stets als Duo auftreten: Kennen Sie eine Art Arbeitsteilung?

 

Luc: Nein, wir machen alles gemeinsam. Wenn es die Dreharbeiten erlauben, bleibt einer von uns bei der Kamera, während der Andere das Ergebnis auf dem Video-Bildschirm betrachtet. Nach der Aufnahme sprechen wir darüber, was uns aufgefallen ist.

 

Dass Brüder als Regisseure gemeinsam Filme drehen, ist sehr selten. Sind Sie sich in allem einig, oder haben Sie auch Meinungsverschiedenheiten, die für Ihre Filme fruchtbar wirken?

 

Jean-Pierre: Wir sind immer einer Meinung – andernfalls würden wir nicht seit 37 Jahren zusammen arbeiten. Das Leben ist schon anstrengend genug.


Auszug des Interviews auf Französisch mit deutscher Simultan-Übersetzung


 

Das Innere eines guten Schauspielers

 

Wie haben Sie den Hauptdarsteller Thomas Doret für die Rolle des jungen Cyril gefunden? War das Glückssache?

 

Jean-Pierre: Das war tatsächlich ein kleines Wunder; Thomas hatte uns als einer von 500 Jungen ein Foto zugeschickt. 150 von ihnen haben wir für ein Casting ausgewählt. Thomas war der fünfte Junge, den wir begutachtet haben.

 

Jeder Kandidat musste eine kleine Szene vorführen, die am Anfang des Films zu sehen ist: Cyril ruft seinen Vater an, doch der geht nicht ans Telefon. Als Thomas wählte und auf Antwort wartete, wirkte das sofort plausibel: als könne wirklich jemand am anderen Ende den Hörer abnehmen. Wir konnten seine innere Anspannung sehen, mit der er wartete. Genau das macht einen guten Schauspieler aus: Man sieht und spürt, was sich in seinem Inneren abspielt. Sein Äußeres vibriert; nicht, weil er etwas ausdrücken will, sondern weil sein Inneres sich Ausdruck verschafft.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Junge mit dem Fahrrad"

 

und hier ein kultiversum-Porträt der Brüder Dardenne: "Hin zum Kern menschlicher Existenz".


Thomas war damals 13 Jahre alt und sah aus wie ein Elfjähriger, doch sein Gesicht war von einem gewissen Ernst geprägt. Wir haben uns die 149 anderen Kandidaten angesehen und Thomas noch mehrmals vorspielen lassen – das hat unsere Wahl bestätigt.

 

40 Tage lang proben

 

Wie häufig mussten Sie mit ihm Aufnahmen wiederholen? Ist ein Kind dazu in der Lage, dieselbe Situation immer wieder zu spielen – besonders in langen und impulsiven Szenen?

 

Luc: Dass wir viele lange Plansequenzen gedreht haben, kam ihm entgegen: So konnte er die Spannung aufrechterhalten – er hatte ja zuvor noch nie vor einer Kamera gestanden. Mir scheint, am Wichtigsten waren für ihn die Proben vor den eigentlichen Dreharbeiten. Wir haben mit ihm 40 Tage lang von morgens bis abends geprobt, da er die Hauptrolle hatte. Alle anderen Schauspieler waren jeweils mehrere Tage mit von der Partie.

 

Dabei haben wir mit körperbetonten Szenen begonnen: den Raufereien, dem Weglaufen oder seinem Sturz vom Baum, wodurch er gut in seine Rolle gefunden hat. Die Dialoge sind uns weniger wichtig, das kommt später von selbst. Da wir so ausgiebig probten, liefen anschließend die Dreharbeiten sehr schnell und glatt.

 


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