Angelina Jolie

In the Land of Blood and Honey

Serben missbrauchen muslimische Frauen wie Ajla (Zana Marjanović, li.) als menschliche Schutz-Schilde bei Feuergefechten. Foto: © Wild Bunch Germany

(Kinostart: 23.2.) Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht: Hollywood-Star Jolie wirbt um Mitleid für Frauen im Bosnien-Krieg. Den reduziert ihre Romeo-und-Julia-Love-Story auf ein simples Gut-Böse-Schema.

Liebe in den Zeiten des Bürgerkriegs: Zärtlich umschlungen tanzen der bosnische Serbe Danijel (Goran Kostić) und die muslimische Bosniakin Ajla (Zana Marjanović) in einem Lokal der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Plötzlich geht eine Bombe hoch – alles versinkt in Rauchschwaden und Trümmern.

 

Info

In the Land of Blood and Honey

 

Regie: Angelina Jolie, USA 2011, 127 min.;
mit: Zana Marjanović, Goran Kostić, Rade Šerbedžija

 

Weitere Informationen

Dann ein harter Schnitt: mitten in den 1992 beginnenden Bosnien-Krieg. Tschetniks, die irregulären Truppen der bosnischen Serben, wüten in einer Wohnsiedlung. Wahllos erschießen sie muslimische Männer; deren Frauen internieren sie in einer früheren Schule – darunter auch Ajla.

 

Kommandant auf Befehl von Papa

 

Wie es der Zufall will, untersteht das Lager dem Befehl von Danijel. Widerstrebend kommandiert er eine serbische Einheit; dazu nötigt ihn sein national-chauvinistischer Vater, General Nebojša Vukojević (Rade Šerbedžija). Danijel nimmt die Dame seines Herzens in Schutz und ermöglicht ihr die Flucht aus dem Gefangenen-Lager.


Offizieller Film-Trailer


 

Vergewaltigung und sonstiger Missbrauch

 

Ajla schließt sich einer muslimischen Freischärler-Gruppe an. Die schleust sie ins Lager zurück, um Danijels Zuneigung auszunutzen und die Strategie der Feinde auszuspionieren. Als der Hauptmann erkennen muss, dass seine Geliebte ihn verraten hat, ist das blutige Finale unausweichlich.

 

Diese Liebesgeschichte von Romeo und Julia auf dem Balkan hat Angelina Jolie erdacht und umgesetzt. Sie schrieb das Drehbuch und debütiert als Regisseurin – offenbar eine Herzens-Angelegenheit für die Sonder-Botschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks, die seit Jahren Foto-Termine mit Vertriebenen absolviert. Ihr Augenmerk gilt dem Leid bosnischer Frauen: Schonungslos zeigt sie Vergewaltigungen und sonstigen Missbrauch – etwa als menschliche Schutz-Schilde bei Feuer-Gefechten.

 

US-Produktion zum Schnäppchen-Preis

 

Doch Menschen-Liebe macht kurzsichtig: Den wechselhaften Konflikt-Verlauf mit – inklusive bosnischer Kroaten – drei ineinander verbissenen Kriegs-Parteien reduziert Jolie auf ein simples Gut-Böse-Schema. Danijel ist der empfindsame Einäugige unter lauter Blinden: Schießwütige Serben schwelgen in sadistischen Gräueltaten. Warum die apolitische Malerin Ajla ihre ethnische Loyalität über ihr privates Wohl stellt, bleibt jedoch unerfindlich.

 

Eindimensionale Figuren beharken einander mit hölzernen Dialogen, während Radio-Sprecher im Off die Gefechts-Lage verlautbaren: Ihr Skript hätte die Amateur-Filmerin besser Profis anvertraut. Mit 13 Millionen Dollar Kosten ist der Film für US-Verhältnisse ein Schnäppchen, aber er sieht auch nach Low-Budget-Produktion aus: Grobkörnige Innen-Aufnahmen wechseln mit wirren Action-Szenen. Wer die Geschichte des Krieges und des anschließenden kalten Friedens nicht kennt, wird sie hieraus nicht erfahren.

 

Oscar 2002 für «No Man’s Land»

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Cirkus Columbia“ von Danis Tanović über den Beginn des Bosnien-Kriegs

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „donumenta 2011“ in Regensburg mit aktueller Kunst aus Serbien

 

und hier eine Kritik des serbischen Films „Belgrad Radio Taxi“ von Srdjan Koljevic

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den bosnischen Film „Na putu – Zwischen uns das Paradies“ von Jasmila Žbanić.

Es gibt ausgezeichnete Filme über den Bosnien-Krieg: angefangen mit «Veillées d’armes – The Troubles We’ve Seen» von Marcel Ophüls. Seine dreieinhalbstündige Dokumentation über Kriegs-Reporter in Sarajevo lief bereits 1995 auf der Berlinale, während die Stadt noch von serbischen Truppen belagert wurde.

 

Für «No Man’s Land» erhielt Danis Tanović 2002 den Auslands-Oscar: Der bosnische Regisseur inszenierte ein makabres Kammerspiel zwischen drei Soldaten im Schützengraben. Das Vorspiel dazu lieferte Tanović jüngst nach: In «Cirkus Columbia» kollabiert das labile Gleichgewicht zwischen den Volksgruppen in Bosnien vor dem Kriegs-Ausbruch. Die Tragikomödie lief im Herbst 2011 in deutschen Kinos.

 

Papierne Humanitäts-Propaganda

 

Auf die Opfer der Zivil-Bevölkerung konzentriert sich Jasmila Žbanić. Sie gewann die Berlinale 2006 mit «Grbavica – Esmas Geheimnis»: das Porträt von Mutter und Tochter, die ein Vergewaltiger gezeugt hatte. «Na Putu – Zwischen uns das Paradies» (2010) handelt von einem Paar erwachsener Kriegswaisen. Als sich der Mann islamistischen Sektierern anschließt, verliert er seine Liebe.

 

Überdies befasste sich Hans-Christian Schmidt in «Sturm» (2009) mit dem Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag: Dessen Lavieren zwischen Strafverfolgung und politischen Rücksichten verdichtete der deutsche Filmemacher zum packenden Justiz-Thriller. Jeder dieser Filme zeigt nur eine Teil-Wirklichkeit der Kämpfe und ihrer Folgen, doch diese authentisch. Dagegen verbreitet UNHCR-Botschafterin Jolie papierne Humanitäts-Propaganda.


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