Michael Fassbender

Shame

Hinter tausend Bildern keine Welt: Sex-Süchtiger Brandon (Michael Fassbender) allein in seidenen Laken. Foto: PROKINO Filmverleih
(Kinostart: 1.3.) Regisseur Steve McQueen will Leiden eines Sex-Süchtigen darstellen. Das geht völlig in die Hose: Unmotivierte Handlung und ein sediert wirkender Star in der Hauptrolle ergeben eine Grenzerfahrung in Entsagung.

«Shame» soll von Sex-Sucht handeln. Vom Verlangen, es immer wieder zu tun. Von der Gier nach dem Kick, wenn die Erregung im Körper aufsteigt. Vom Zwang, diesen Reiz ständig spüren zu wollen: überall, mit wechselnden Partnern. Und vom Selbstekel, wenn die Erregung abklingt und sich innere Leere ausbreitet. Soweit die Eigenwerbung des Films.

 

Info

Shame

 

Regie: Steve McQueen, 100 min., Großbritannien 2011;
mit: Michael Fassbender, Carey Mulligan, Nicole Beharie

 

Website zum Film

Man sieht: Ein gepflegt, aber fad aussehender Mittdreißiger steigt in die New Yorker U-Bahn ein. Sein Blick bleibt an einer hübschen Blondine im kurzen Rock hängen. Sie bemerkt ihn, lächelt kokett und schlägt die Beine übereinander. Sie steht auf; er ebenfalls, dicht hinter ihr. Sie steigt aus, er folgt ihr – und verliert sie im Gewühl. Das wird nichts.

 

Live Sex wie Börsenkurse

 

Brandon (Michael Fassbender) kommt ins Büro: Designer-Schreibtische und gläserne Raumteiler. Er geht sofort aufs Klo, wischt sorgfältig die Toiletten-Brille ab – und holt sich einen runter. Abends kehrt er heim: Designer-Möbel und raumhohe Fenster. Er klappt seinen Laptop auf, klickt einen live sex channel an – und sieht so unbewegt zu, als studiere er Börsenkurse.


Offizieller Film-Trailer


 

Impotenz beim ersten Date

 

Dieser Mann ist leidenschaftlich wie ein Zombie. Prostituierte dirigiert er so sachlich, als wären sie Handwerker. Dennoch billigt ihm Regisseur Steve McQueen enorme Anziehungskraft zu: Während sein Boss David eine Power-Frau mit Gefasel vergrault, genügt ihm ein Kopfnicken, um sie an der nächsten Ecke im Stehen zu vögeln. So unwiderstehlich wären viele Männer gern.

 

Auftritt Sissy (Carey Mulligan): Brandons etwas haltlose Schwester quartiert sich bei ihm ein. Wenn sie in einer Bar den Gassenhauer «New York, New York» in Zeitlupe zersingt, muss ihr Bruder weinen. Sissy bleibt cool, flirtet mit David, landet mit ihm im Bett, wird sitzen gelassen, hat Katzenjammer – und macht munter weiter. Dagegen bringt Brandon beim Date mit Kollegin Marianne (Nicole Beharie) fast kein Wort heraus – und bekommt beim ersten Schäferstündchen keinen hoch.

 

Spezifisch angelsächsische Prüderie

 

Zu sehen sind kaum Sex und noch weniger Sucht, sondern meist neurotische Übersprungs-Handlungen. Scheinbar war Drehbuch-Autorin Abi Morgan unentschieden, ob sie Brandon als narzisstischen Don Juan anlegen soll, der Frauen vernascht wie andere Bonbons – oder als kontaktgestörten Klemmi, der seinen Trieb mit Surrogaten stillt. Das lässt die Hauptfigur so widersprüchlich wie unglaubwürdig erscheinen – und ihre Eskapaden so willkürlich wie nichtssagend.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Dokumentarfilms "The Big Eden" über Rolf Eden, den letzten lebenden deutschen Playboy

 

und hier einen Bericht über die Roman-Verfilmung "Jane Eyre" von Cary Fukunaga mit Michael Fassbender in der Rolle des Verführers Rochester

 

und hier einen Beitrag über die Doku "Whores' Glory - Ein Triptychon" von Michael Glawogger über Prostitution weltweit

 

und hier eine Kritik des Films "Shopping Girls - Galerianki" von Katarzyna Rosłaniec über Teenie-Prostitution in Polen.

Vermutlich kommt darin eine spezifisch angelsächsische Prüderie zum Ausdruck, wie sie US-College-Komödien oder TV-Serien wie «Sex and the City» prägt: Alle reißen Zoten, deuten dauernd Schlüpfriges an, aber kommen nie zur Sache. Darauf basiert das pornographische Prinzip: Begehren wird erregt, doch ihre Befriedigung endlos aufgeschoben, um den Nutzer bei der Stange zu halten. Analog funktioniert «Shame»: Der Film verspricht stets Einblicke in Suchtverhalten; sie bleiben jedoch aus.

 

Keine Spur von seelischen Abgründen

 

Der große Charakter-Darsteller Fassbender läuft mit versteinertem Pokerface herum, als sei er sediert. Carey Mulligan soll als Babyface-Schwester für emotionalen Kontrast sorgen; der bleibt bloße Behauptung. Wie der ganze Film: Von den seelischen Abgründen eines Süchtigen, seinen Passionen und Ängsten fehlt jede Spur.

 

Womit ein wichtiges Thema verschenkt wird. Die permanente Verfügbarkeit erotischer Stimuli im Cyberspace dürfte das reale Sexualleben merklich verändern. Was folgt daraus, wenn Kinder Hardcore-Pornos sehen, bevor sie geschlechtsreif sind? Wenn jeder auf Knopfdruck extreme Praktiken betrachten kann? Solche Fragen werden bislang kaum diskutiert; stattdessen füllen Anmach- und Stellungs-Tipps die Medien.

 

Puritaner-Debatte über Sexualisierung

 

Oder moralinsaure Warnungen wie in Ariadne von Schirachs Buch «Der Tanz um die Lust», diesem nachzugeben. Die Debatte über die zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit wirkt so schematisch wie im puritanischen Zeitalter, während der Konsum von Erotika alltäglich wird. «Ich möchte nicht über etwas schreiben, wovon ich keine Ahnung habe», begründet Regisseur McQueen, warum er das Drehbuch einer Frau überließ: Ihr ging es offenbar genauso.


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