Juliette Binoche

Das bessere Leben – Elles

Eigentlich ganz glücklich mit ihrem Ehemann Patrick: Journalistin Anne (Juliette Binoche) schäkert. Foto: Zorro Film

(Kinostart: 29.3.) Rotlicht-Reportagen sind Frauensache: Zwei Studentinnen gehen auf den Strich und erzählen von der Banalität ihrer Bettgeschichten. Den oberflächlichen Enthüllungen verleiht selbst Juliette Binoche kaum Tiefgang.

Frankreich kennt ein Zeitschriften-Genre, das es in Deutschland nicht gibt: Lettres de confession, also «Bekenntnis-Briefe». Jeder Kiosk bietet ein halbes Dutzend dieser Monats-Hefte feil. Alle enthalten – angeblich wahre, aber meist wohl erfundene – intime Bekenntnisse von Männern und Frauen: mit wem, wo und unter welchen Umständen sie es neulich getrieben haben, und wie sie sich dabei fühlten.

 

Info

Das bessere Leben – Elles

 

Regie: Malgoska Szumowska, 96 min., Polen/ Frankreich/ Deutschland 2011;
mit: Juliette Binoche, Anaïs Demoustier, Joanna Kulig

 

Weitere Informationen

Eine Leinwand-Version solcher Lettres de confession legt die polnische Regisseurin Malgoska Szumowska vor. Als dürftige Rahmenhandlung dient eine Recherche der Journalistin Anne (Juliette Binoche): Sie schreibt für ein Frauen-Magazin eine Reportage über Studentinnen, die ihr Studium mit Edel-Prostitution finanzieren. Dafür interviewt Anne ausgiebig die junge Französin Charlotte (Anaïs Demoustier) und die Polin Alicja (Joanna Kulig).

 

Mögen Sie Brüste anfassen nicht?

 

Beide geben bereitwillig Auskunft – und lassen die küchenpsychologischen Fragen der Reporterin, die pikante Details herauskitzeln will, abgeklärt an sich abtropfen. Das klingt etwa so: «Wenn die Ihre Brüste anfassen, mögen Sie das? Haben Sie das Gefühl, Sie dominieren? Gibt Ihnen das ein Gefühl von Macht?». Antwort von Alicja: «Mögen Sie das etwa nicht?»


Offizieller Film-Trailer


 

Manche Freier sind nett, andere nicht

 

Ähnlich aufregend sind die übrigen Enthüllungen der Escort-Girls: Manche Kunden sind aufmerksam und liebenswürdig; andere weniger. Die älteren langweilen sich oft in ihrer Ehe. Viele Männer reden darüber, was sie beschäftigt: Arbeit, Frau und Familie. Andere wollen begehrt werden und «schmutzige Worte» hören. Bettgeschichten eben, so alltäglich wie banal.

 

Nicht jedoch für die Journalistin: Die Einsicht, dass Töchter aus gutem Hause und ihre wohl erzogenen Freier sich bei bezahltem Sex kaum anders verhalten als sonst, wirft sie ziemlich aus der Bahn. Anne ist nämlich BCBG, wie es umgangssprachlich heißt: bon chic, bon genre.

 

Tagträumereien genügen

 

Arriviert und kultiviert, lebt sie mit ihrem netten Ehemann Patrick – der sie leicht vernachlässigt – und dem pubertierenden Sohn – der im Kinderzimmer kifft – in einer schicken Wohnung: Pariser Bourgeoisie comme il faut. Ihre größte Sorge ist, dass Patrick den Wein zum abendlichen diner vergisst.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Kritik des Films „Shame“ von Steve McQueen mit Michael Fassbender über Sex-Sucht

 

und hier eine Besprechung des Beziehungs-Dramas „Die Liebesfälscher“ von Abbas Kiarostami mit Juliette Binoche

 

und hier einen Beitrag über die Doku “Whores’ Glory – Ein Triptychon” von Michael Glawogger über Prostitution weltweit

 

und hier einen Bericht zum Film “Shopping Girls – Galerianki” von Katarzyna Rosłaniec über Teenie-Prostitution in Polen.

Dass ihre Gesprächspartnerinnen aus Lust am leicht verdienten Geld die Beine breit machen und daran ihren Spaß haben, erregt Anne. Bis sie das Tippen unterbricht und sich an den Busen oder in den Schritt fasst: c’est choquant! Aber ihr genügen Tagträumereien: Allenfalls wagt sie, sich beim Abendessen fremde Beischläfer als ungebetene Gäste vorzustellen.

 

Wie Kino-Ausgabe von Cosmopolitan

 

Diese Karrierefrau und Mutter in der midlife crisis spielt Juliette Binoche gewohnt nuanciert. Doch auch sie kann das schwache Drehbuch nicht ausgleichen: Es umkreist das Phänomen Prostitution so oberflächlich wie jeder x-beliebige «Insider-Report» aus dem Rotlicht-Milieu. Dazu passt die Hochglanz-Optik, die Regisseurin Szumowska ihrem Film verpasst – als sei’s eine Kino-Sonderausgabe von Cosmopolitan.

 

Deren Leserinnen scheinen die Zielgruppe dieser erotischen Petitesse zu sein: lebenslustige Frauen, die mit Affären liebäugeln, sich aber nicht trauen. Oder potentielle Leser von Bekenntnis-Zeitschriften, die derlei hierzulande bislang vermissen müssen. Vielleicht bringt ein findiger Verleger bald das «Heft zum Film» auf den Markt. Arbeitstitel: «Das bessere Leben – junge Hobby-Huren erzählen, wie es wirklich ist».


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