Béla Tarr

Das Turiner Pferd – A Torinói Ló

Wenn das Pferd streikt, muss die Tochter ran: Erika Bók zieht den Last-Karren ihres Vaters. Foto: Basis Film-Verleih

(Kinostart: 15.3.) Ein schöner Film über das Ende der Welt: Mit nur 29 Einstellungen in zweieinhalb Stunden entfaltet Regisseur Béla Tarr eine Apokalypse in Zeitlupe. Seine nihilistische Allegorie erhielt 2011 den Silbernen Bären.

Radikaler geht es kaum: In einer der vermutlich längsten Kamerafahrten der Filmgeschichte rast ein Pferdewagen einen Feldweg entlang. Minutenlang sind nur das galoppierende Pferd zu sehen, der es mit Peitschenhieben antreibende Kutscher und sein rumpelnder Karren. Derweil umkreist die Kamera das dahineilende Gespann wie ein aufdringliches Insekt.

 

Info

Das Turiner Pferd –
A Torinói Ló

 

Regie: Béla Tarr, 146 min., Ungarn/ Frankreich/ Deutschland 2011;
mit: Erika Bók, János Derzsi, Mihály Kormos

 

Weitere Informationen

Mal fängt die Linse das Schnauben des gehetzten Gauls ein, mal das reglose Antlitz des Fahrers, mal das ächzende Rattern des Gefährts, das jeden Moment auseinander zu brechen droht. Äußerste Anspannung ohne Zweck und Ziel: Woher und wohin Ross und Wagen jagen, bleibt ungewiss.

 

Zehn Jahre geistige Umnachtung

 

Stattdessen wird im Off eine traurige Episode der Philosophie-Geschichte erzählt: 1889 beobachtete Friedrich Nietzsche in Turin, wie ein Droschken-Lenker sein Pferd mit der Peitsche traktierte. Aus Mitleid mit der gequälten Kreatur fiel ihm Nietzsche schluchzend um den Hals. Vom geistigen Zusammenbruch sollte er sich nie mehr erholen: Verstummt und umnachtet verbrachte er noch zehn Jahre in der Obhut von Mutter und Schwester.


Offizieller Film-Trailer


 

Insel des Vegetierens im Chaos

 

«Was mit dem Pferd geschah, wissen wir nicht», schließt der Sprecher. Béla Tarr gibt vor, das nachzutragen: Sein zweieinhalbstündiger Film zeigt in spröden Schwarz-Weiß-Bildern das Lebensende eines Pferdes – und mit ihm den Untergang der ganzen Welt. Sie könnte die des ausgehenden 19. Jahrhunderts sein, oder auch jeder anderen Epoche: In ihrer kargen Archaik wirken Schauplatz und Protagonisten aller Zeit entrückt.

 

Der Kutscher (János Derzsi) namens Ohlsdorfer hat einen gelähmten Arm. Er haust gemeinsam mit seiner Tochter (Erika Bók) in einer ärmlichen Kate irgendwo in der ungarischen Puszta. Unablässig fegt Wind übers Land, wirbelt Laub und Staub auf, der den Blick eintrübt: Die Sicht reicht nur wenige Meter. Zwei letzte Menschen auf einer Insel des Vegetierens inmitten von Chaos.

 

Umgekehrte Genesis der Dunkelheit

 

Hier geschieht immer das Gleiche: Die Tochter holt Wasser aus dem Brunnen vor dem Haus, kocht Kartoffeln und setzt sie dem Vater vor. Beide schlingen wortlos ihr Essen hinunter. Danach räumt sie auf, wäscht Wäsche, lässt sie trocknen und legt sie zusammen. Er hackt Holz und trinkt Schnaps. Sind beide fertig, sitzen sie am Fenster und starren nach draußen in den heulenden Sturm, bevor sie zu Bett gehen. Und am nächsten Tag wieder von vorn.

 

Sechs Tage dauert diese umgekehrte «Genesis der Dunkelheit». Die öde Monotonie alltäglicher Verrichtungen unterbrechen nur zwei unerwartete Besuche. Einmal kommt ein Unbekannter, kauft Schnaps und trägt einen wirren Monolog vor: über den ewigen Kampf zwischen «Edlen» und «denen», die alles «verhext, zerstört und niedergemacht» haben. Später tauchen Zigeuner auf und schöpfen Wasser aus dem Brunnen; ein Alter überreicht dafür ein Buch, das raunende Prophezeiungen enthält.

 


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