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Gemalter Film – Plakate von Renato Casaro

Ende eines Kaiserreichs, mit neun Oscars ausgezeichnet: "L'ultimo Imperatore" (dt.: Der letzte Kaiser) von Bernardo Bertolucci, Plakat von 1987. Foto: Museum Folkwang / © Renato Casaro art studio + gallery, Marbella, 2012

Zwei Stunden Kino in einer Komposition: Der italienische Grafiker Renato Casaro versteht es, die Atmosphäre eines ganzen Films auf dem Plakat-Bild zu verdichten. 100 seiner schönsten Entwürfe zeigt nun das Museum Folkwang.

Bigger than life: Niemand hat die Stars des Hollywood-Kinos so überlebensgroß und idealisierend verewigt wie Renato Casaro. Der Italiener war einer der kreativsten und produktivsten Gestalter von Film-Plakaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und handwerklich äußerst versiert: Alle Motive sind von Hand gemalt.

 

Info

Gemalter Film – Plakate von Renato Casaro

 

04.02.2012 – 15.04.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, freitags bis 22.30 Uhr im Museum Folkwang, Museumsplatz 1, Essen

 

Katalog 20 €

 

Weitere Informationen

Das zeigt die Retrospektive im Museum Folkwang mit mehr als 100 Entwürfen und Original-Plakaten von 1954 bis 1998. Casaro begann als Grafik-Azubi, in seiner Geburtsstadt Treviso die Fassade des «Cinema Garibaldi» mit Reklame-Bildern zu schmücken. Gegen freien Eintritt: So sah er binnen weniger Jahre Hunderte von Filmen und schulte seinen Geschmack.

 

Erstes Plakat für Sowjet-Schinken

 

1955 eröffnete er in Rom sein eigenes Studio: Der italienische neorealismo stand in voller Blüte, Cinecittà produzierte wie am Fließband. Sein erstes Plakat schuf Casaro allerdings 1954 für einen Sowjet-Schinken: «Romeo und Julia» frei nach Shakespeare.

 

Zeigte sein Debüt noch schlicht ein bonbonbuntes Szenenbild, entwickelte Casaro bald seinen eigenen Stil. Er wollte Charakter und Atmosphäre des jeweiligen Films bereits auf dem Plakat vermitteln: Dazu fügte er mehrere Einzel-Motive zu einer Collage zusammen. Meist dominierte ein großes Porträt des oder der Stars, ergänzt um ein oder zwei Film-Szenen.

 

Bild-Aufbau wie am Kirchen-Altar

 

Wie bei «Für ein paar Dollar mehr» von Sergio Leone: Oben ist die unheilige Trias von Lee van Cleef, Clint Eastwood und Klaus Kinski, unten der Höhepunkt des showdown zu sehen. Ein von Casaro gern benutzter Bild-Aufbau, der an italienische Sehgewohnheiten anschloss: Katholische Altäre zeigen unterhalb des eigentlichen Altarbilds oft eine thematisch verwandte Szene auf der so genannten Predella im Querformat.

 

Solche Plakate prägten die Bilder, die sich das Publikum von klassischen US- oder Italo-Western und ihren Helden machte: John Wayne, Yul Brunner oder Gary Cooper. Ebenso bei Monumental- und Historien-Filmen, die in den 1950/60er Jahren reihenweise ins Kino kamen. Der legendäre Produzent Dino de Laurentiis vertraute Casaro 1965 die Werbe-Kampagne zur Mammut-Produktion «Die Bibel» an: Sie wurde sein Ticket nach Hollywood.

 

Konzentration auf den kairos

 

Zuweilen vertraute der Gestalter auf die visuelle Kraft eines einzigen Motivs: etwa bei «High Noon». Sein Entwurf zur Wieder-Aufführung 1958 zeigt Cooper als Marshal in einer Moment-Aufnahme auf seinem Weg zur Abrechnung mit dem Banditen-Boss –zwischen Zögern und Entschlossenheit schwankend. Diese Konzentration auf den kairos, den entscheidenden Augenblick, sollte Casaro später kultivieren.

 

In den 1970/80er Jahren bewarb er serienweise Komödien mit Stars wie Adriano Celentano, Terence Hill und Bud Spencer – oder Didi Hallervorden. Viele dieser Klamauk-Klamotten sind heute zu Recht vergessen, doch ihre Plakate bieten interessante Lösungen: So bildet Casaro für «Asso» (1981) aus Celentanos Beinen die Initiale «A».

 

Plakat-Komposition wie Prunk-Sarg

 

Für Action-Helden wie Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger perfektionierte er seine Technik: Mit Airbrush-Malerei setzte er gestochen scharfe Licht-Reflexe, die Muskel-Pakete plastisch hervortreten ließen. Casaros Meisterwerke überzeugen jedoch durch reduzierte grafische Mittel.

 

Etwa sein Hochformat-Plakat für «Es war einmal in Amerika», Sergio Leones finales opus magnum von 1984: oben in Scherenschnitt-Optik vier Gangster mit goldenen Gesichtern, unten ein Teil der Brooklyn-Bridge auf schwarzem Grund. Mit nur zwei Schlaglichtern bringt Casaro die düstere Untergangs-Stimmung des vierstündigen Mafia-Epos auf den Punkt: Die Komposition erinnert an einen Prunk-Sarg.

 

Gemalte Plakate sterben wie Gallier

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Deadly And Brutal“ über handgemalte Filmplakate aus Ghana in der Pinakothek der Moderne, München.

Ähnlich eindrucksvoll ist das Plakat für «Der letzte Kaiser» (1987) von Bernardo Bertolucci: Im Gegenlicht wirft sich ein Mandarin vor dem Kind-Monarchen zu Boden: Dessen Ausnahme-Stellung wie Isolation wird emblematisch eingefangen. Diese Phase sollte der Höhe- und Endpunkt von Casaros Werk werden.

 

In den 1990er Jahren verdrängten am PC bearbeitete Foto-Motive die handgemalten Film-Plakate. 1998 schuf er sein letztes Motiv für «Asterix und Obelix»: Wie die Kultur der Gallier starb nun auch die schöne Kunst aus, Filme mit Ideal-Ansichten mythisch zu überhöhen. 


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