Robert Krieg + Monika Nolte

Newo Ziro – Neue Zeit

Lulo Reinhardt auf dem Koblenzer Festival für Musik der Sinti und Roma. Foto: W-Film

(Kinostart: 17.3.) Sinti in Deutschland leben in prekärer Balance zwischen Anpassung und Bewahrung der eigenen Kultur. Ihre Traditionen führen vor allem Musiker fort, zeigt diese Doku: etwa der Großneffe von Django Reinhardt.

Im Filmtitel «Newo Ziro», Romani für «Neue Zeit», klingt es an: Das Leben hat sich sehr gewandelt für die Sinti aus dem weit verzweigten Reinhardt-Clan in Koblenz. Die Familien sind sesshaft an einem Ort und wohnen ganz normal in Wohnungen; ihre Kinder gehen zur Schule.

 

Info

Newo Ziro – Neue Zeit

 

Regie: Robert Krieg + Monika Nolte, 84 min., Deutschland 2012;
mit: Lulo Reinhardt, Sibel Mercan, Bawo Reinhardt

 

Website zum Film

 

Kino-Terminliste

Noch vor wenigen Jahrzehnten lebten die Koblenzer Sinti völlig anders; der Film kann das nur andeuten. Wir sehen ein Schwarzweiß-Bild einer alten Festung: Kalt, feucht und finster diente sie in den 1950er Jahren als Notunterkunft. Das erzählt der 70-jährige Bawo Reinhardt, ein Auschwitz-Überlebender, seiner Enkelin Sibel, mit der er auf der Ruine spazieren geht.

 

Sinti-Siedlung am Rhein-Ufer

 

Unvorstellbar, dass seine Familie einst hier gelebt hat. Fast ebenso unvorstellbar ist, was der Musiker Lulo Reinhardt von seiner Kindheit erzählt. Der Großneffe des legendären Jazz-Musikers Django Reinhardt führt die Filmemacher zu einem Platz am Ufer des Rheins: Wo jetzt eine grüne Idylle voller Bäume ist, lag noch vor vierzig Jahren eine Sinti-Siedlung.


Offizieller Film-Trailer


 

Rechtfertigung für Gitarren-Kauf

 

Sie sei irgendwann aufgelöst worden, weil sie den Behörden ein Dorn im Auge war, berichtet Lulo: Den Sinti habe man Plätze in Wohnsiedlungen an verschiedenen Stellen der Stadt zugewiesen. Dadurch sei aber auch ihr gemeinschaftlicher Zusammenhalt zerstört worden. Auch Pferdehaltung war nicht mehr möglich, betont er: Ein Onkel von ihm besaß vorher zeitweise bis zu zehn Pferde; das sei für die Kinder herrlich gewesen.

 

Der Gitarrist Lulo Reinhardt ist erfolgreicher Musiker, der seinen eigenen Weg gemacht – dafür musste er kämpfen, um zu werden, was er heute ist. Das sei auch innerhalb der Sinti-Gemeinschaft nicht immer einfach gewesen, erzählt er vor der Kamera freimütig: Schon wer sich eine neue Art von Gitarre kauft, kann unter Rechtfertigungs-Druck geraten.

 

Nachlass von Toten wird zerstört

 

Inzwischen gilt Lulo als einer der profiliertesten Vertreter des «Gypsy Swing», bei dem er mit Musikern aus aller Herren Länder und verschiedenen Kulturkreisen zusammenarbeitet. Dass seine jazzige Crossover-Musik nicht immer allen Sinti behagt haben mag, sagt er nicht so direkt. Aber man kann es sich denken, wenn man manchen der älteren Herren aus seinem Clan zuhört.

 

Einerseits ist das Bewahren von Traditionen ja wunderbar: Dass etwa nach dem Tod eines Menschen sein irdischer Besitz zerstört werden muss, statt Gegenstand von Erbschafts-Streitigkeiten zu werden, hat etwas Großartiges. Erklärt aber ein Sinti-Patriarch, Kinder sollten in der Schule nicht so viel lernen, weil ihnen dann nichts anderes übrig bleibe, als die Familien-Tradition fortzuführen und Hausierer zu werden – dann scheint seine Haltung einem vergangenen Jahrhundert zu entstammen.

 

Jährliches Musik-Festival in Konstanz

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen kultiversum-Bericht über die Eröffnung von „Kai Dikhas“ in Berlin, der ersten deutschen Galerie für Kunst der Sinti und Roma.

Die jüngere Sinti-Generation muss eine prekäre Balance zwischen Beharren und Anpassung suchen. Den Filmemachern gelingt es mit langen Interviews, diesen Zwiespalt gleichsam zwischen den Bildern einzufangen. Dabei weckt ihr Film Neugier auf eine lebendige Kultur, die sich vor allem in der Musik ausdrückt.

 

Die Reinhardts veranstalten alljährlich ein großes Festival für Musik der Sinti und Roma in Koblenz. Allein deshalb macht dieser Film große Lust darauf, einmal dorthin zu fahren. Einen Anlass hätte man ja jetzt.


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