Matthias Schweighöfer

Russendisko

Hoch die Wodka-Gläser: Die "Russendisko" im "Kaffee Burger" schäumt über. Foto: Paramount
(Kinostart: 29.3.) Friede, Freude, Dosenbier: Den pointierten Anekdoten-Bestseller von Wladimir Kaminer verfilmt Regisseur Oliver Ziegenbalg als zusammengebastelte Kalauer-Komödie samt Herzschmerz.

Es war einmal... Mit diesen drei einfachen Worten beginnen in der Regel die Märchen dieser Welt – meist Erzählungen, die von der mühsamen Suche nach Glück und Liebe handeln, happy end inklusive. Auch die wundersame Geschichte von Wladimir, Andrej und Mischa hat einen märchenhaften Anstrich: Drei angehende Männer verlassen ihre trostlose Sowjet-Heimat, um in einer unbekannten Welt ein neues, möglichst sorgenfreies Leben zu beginnen.

 

Info

Russendisko

 

Regie: Oliver Ziegenbalg, 100 min., Deutschland 2012;
mit: Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel

 

Website zum Film

«Ihr seid jung, ihr seid nichts», geben Wladimirs Eltern den drei Unbedarften als Aufmunterung mit auf den Weg – von Moskau nach Berlin-Marzahn. Willkommen in der sich auflösenden DDR! Willkommen im Deutschland des Epochenjahres 1990! Willkommen in der wahnwitzigen Wendezeit! Willkommen in der Russendisko!

 

Himmel auf kapitalistischen Erden

 

Wie war das überhaupt damals, vor 22 Jahren in dieser von einer Mauer durchzogenen einstigen Frontstadt namens Berlin? Für russische Immigranten offenbar ein kleines Stückchen Himmel auf kapitalistischen Erden: «Wir schienen im Paradies angekommen zu sein. Fünf Monate nach dem Mauerfall hatten die Deutschen noch nicht mit dem Feiern aufgehört.»


Offizieller Film-Trailer


 

Deutschland-Fahnen + Mauer-Spechte

 

So schildert der Autor Wladimir Kaminer seine Ankunft mit den beiden Kumpels am Ostbahnhof. In Oliver Ziegenbalgs Verfilmung seines Bestsellers «Russendisko» geht es auch gleich ziemlich fröhlich los: Überall wehen Deutschland-Fahnen. Alles Mürrische scheint verschwunden. Mauerspechte klopfen, was das Zeug hält. Das Dosenbier fließt hektoliterweise, es herrscht eine Wahnsinns-Stimmung – weil die Nationalkicker sich gerade anschicken, den WM-Titel zu erringen.

 

Was dann auf Kinofilm-Länge folgt, lässt sich kurz zusammenfassen: viel Wodka, noch mehr Bier, die sommerleichte Suche nach einer schönen Zukunft, ein bisschen Musik und die ganz große Liebe. Aus den kurzen, anekdotenhaften Erzählungen in Kaminers Buch wird auf der Leinwand eine durchgehende Geschichte.

 

Vietnamesen, Asylbewerber + Rabbiner

 

Dabei bleibt nicht nur – von ein paar Kalauern abgesehen – der Humor weitgehend auf der Strecke, sondern auch das Subtile, Pointierte und subversiv Kuriose, das die literarische Vorlage auszeichnet. Hier ein paar Vietnamesen, die mit Zigaretten handeln, dort ein Asylbewerber-Heim für Albaner, Afrikaner und die vielen anderen Glückssucher aus aller Welt. Mal gibt’s die Off-Theaterszene zu bestaunen, mal einen kauzigen Rabbiner. Von allem ein bisschen, aber nichts Ganzes. Alles wirkt irgendwie zusammengebastelt.

 

Um das nicht zu deutlich werden zu lassen, erzählt der Film in erster Linie die Liebesgeschichte zwischen der Tänzerin Olga (erfrischend: Peri Baumeister) und Wladimir (routiniert und ohne jeden russischen Akzent: Matthias Schweighöfer). Das neue Leben der Moskauer Freunde spielt schon nach einer Viertelstunde kaum mehr als eine untergeordnete Rolle, ist Staffage für ein Pärchen, das sich finden muss – natürlich samt Herzschmerz.

 

Am Ende ist alles gut

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Kritik des Biopics "Wyssozki – Danke, für mein Leben" über den berühmtesten Liedermacher der Sowjetunion

 

und hier eine Besprechung des Films "What a man" von und mit Matthias Schweighöfer.

Dennoch geben sich Friedrich Mücke (Mischa) und Christian Friedel (Andrej) viel Mühe, um ihren schauspielerischen Aufgaben gerecht zu werden. Was allerdings unter den Auflagen des Drehbuchs und der Regie keine ernsthafte Herausforderung darstellt.

 

Am Ende ist natürlich alles gut; wie es sich für ein Märchen gehört. Jeder hat sein kleines Glück gefunden – Andrej als kapitalistisch gesinnter Russland-Heimkehrer, Wladimir und Mischa (der im wahren Leben Yuri Gurzhy heißt) als Musiker in Berlin.

 

Super Good auf die Gesundheit

 

Dort legt Kaminer im von ihm gegründeten, legendären «Kaffee Burger» alte sowjetische Platten auf. Und alle tanzen traulich vereint in die Nacht hinein. «Super Good» heißt das passgenaue Lied: Friede, Freude, Dosenbier und ein neues Zuhause. Na dann, na sdorowje, auf die Gesundheit. Und die einzig wahre Russendisko.


Diesen Artikel drucken