Stipe Erceg

Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert

Jagd auf subatomare Teilchen: Sebastian (Mark Waschke) besucht seinen Freund und Kollegen Oskar (Stipe Erceg) im CERN-Forschungszentrum in Genf. Foto: X-Verleih

(Kinostart: 8.3.) Kopfgeburt der Quantenmechanik: Regisseurin Claudia Lehmann schickt einen Physik-Professor ins Labyrinth selbst berechneter Parallel-Welten. Ihr theorielastiger Psycho-Krimi ufert in abstrakte Hirngespinste aus.

Alles könnte anders sein, aber nichts lässt sich ändern: Diese grundlegende Einsicht der System-Theorie wendet Regisseurin Claudia Lehmann auf ihr Kino-Debüt an. In ihrer Verfilmung eines Romans von Juli Zeh schickt sie den braven Familienvater Sebastian Wittich (Mark Waschke) in ein Labyrinth aus Gedankenspielen und Halluzinationen, bis er nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht.

 

Info

 

Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert

 

Regie: Claudia Lehmann,
90 Min., Deutschland 2011;
mit: Mark Waschke, Stipe Erceg, Bernadette Heerwagen

 

Website zum Film

 

Was er zuvor berechnet hat: Als Physik-Professor ist Sebastian ein Verfechter der so genannten Viele-Welten-Theorie. Aus bestimmten Paradoxien der Quantenmechanik folgert er, dass es unendlich viele Parallel-Universen geben müsste. Sobald ihm Unerklärliches begegnet, hält er das für eine experimentelle Bestätigung seiner Ansichten – was sein Kollege Oskar (Stipe Erceg), der am Genfer CERN-Forschungszentrum arbeitet, wortreich bestreitet.

 

Das klingt so kopflastig wie unverfilmbar und ist es auch. Stattdessen konstruiert die Regisseurin einen herkömmlichen Krimi-Plot, den sie mit Bizarrem anreichert. Als Sebastian seinen Sohn Nick ins Ferienlager bringen will, verschwindet dieser plötzlich. Der Vater erhält anonyme Anrufe, die ihn anweisen: «Dabbeling muss weg!»


Offizieller Film-Trailer


 

Freitod eines Zeitmaschinen-Mörders

 

Der gleichnamige Radsport-Partner von Sebastians Frau Maike (Bernadette Heerwagen) ist Chefarzt einer Klinik, in der sich Todesfälle häufen – die Opfer bekamen falsche Medikamente. An Dabbelings täglicher Trainings-Strecke lauert ihm Sebastian mit einem Drahtseil auf – und bringt ihn offenbar um die Ecke.

 

Wo alles möglich erscheint, birgt jede Szene neue Überraschungen: Ein geheimnisvoller Mutant namens Schilf taucht auf und behelligt Sebastian mit Detailwissen über das Attentat. Ein Mörder behauptet, einer Zeitmaschine entsprungen zu sein, und erschießt sich vor Sebastians Augen. Maike kommt aus dem Urlaub zurück und geht zur Polizei. Die ermittelt, findet nichts und erklärt Sebastian für verrückt.

 

Schreibtisch-Täter in Strickjacke

 

Schließlich lösen sich seine Hirngespinste in einem kalauernden Wortspiel auf; da ist der Zuschauer längst aus dieser verquasten Kopfgeburt ausgestiegen. Regisseurin Lehmann hat in Physik promoviert. Gleich einer übereifrigen Jung-Akademikerin im Oberseminar will sie demonstrieren, wie virtuos sie kühne Argumente und Motive handhabt. Dabei verfängt sie sich im Geflecht der in die Irre führenden Fährten, die sie auslegt.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Lobeshymne auf den Film „Der Albaner“ von Johannes Naber mit Stipe Erceg

 

und hier eine kultiversum-Kritik des Films „Unter Dir die Stadt“ von Christoph Hochhäusler mit Mark Waschke.

Zudem kann Mark Waschke die Hauptrolle nicht ausfüllen. Seinem biederen Schreibtisch-Täter in Strickjacke glaubt man keine Sekunde lang, dass er in waghalsigen Spekulationen allmählich den Verstand verliert. Auch das übrige Personal sagt seine cutting-edge Theorien wie Schulbuch-Weisheiten auf. Einzig Stipe Erceg als Sebastians Gegenspieler Oskar erweckt den Eindruck, als verstünde er halbwegs, wovon er redet.

 

Kopfweh nach Debatten-Marathon

 

Gewiss ist es äußerst schwierig, die Höhenflüge moderner Forschung in Spielfilme umzusetzen. Das gelang Darren Aronofsky 1998 in seinem Debüt «Pi»; dieser mathematische Psycho-Thriller machte ihn schlagartig bekannt. Doch US-Wissenschaftler sind darin geübt, Abstraktionen anschaulich darzustellen – im deutschen Hochschulwesen fehlt diese Tradition. So bereitet «Schilf» nur Kopfweh: Am Ende ausufernder Debatten brummt allen der Schädel.


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