Klaus Stern

Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker

Mehmet E. Göker mit Cohiba-Zigarre im Jahr 2006. Foto: sternfilm/ © Ulf Schaumlöffel

(Kinostart: 8.3.) Mehmet Göker war mit 25 Jahren Millionär, mit 29 Chef von 1400 Leuten und mit 32 bankrott. Wie der Selfmademan eine Business-Sekte formte, dokumentiert Klaus Stern – ohne sein Geschäftsmodell zu beleuchten.

Im Leben von Mehmet Ercan Göker (MEG) herrscht eitel Sonnenschein. Selbst das Wetter spielt mit: Seine Heimatstadt Kassel ist eigentlich für ihre bleischwere Wolkendecke und stundenlangen Nieselregen berüchtigt. Doch wenn MEG auftritt, lacht stets ein blauer Himmel.

 

Info

Versicherungsvertreter –
Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker

 

Regie: Klaus Stern, 79 min., Deutschland 2012;
mit: Mehmet E. Göker, Marinko Neimarevic, Zoran Zeljko

 

Website zum Film

Jedenfalls im Dokumentarfilm von Klaus Stern: Strahlemann MEG hat in der Finanz-Branche eine Blitz-Karriere hingelegt. Seine Firma gründete er noch im Kinderzimmer – erst mit 22 Jahren zog er bei seinen Eltern aus. Drei Jahre später hat er seine erste Million verdient: mit Provisionen für den Vertrieb privater Krankenversicherung.

 

Notverkauf für einen Euro

 

2009 beschäftigt seine MEG AG rund 1400 Mitarbeiter bei einem Jahres-Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Dann der Absturz: Im September verkauft MEG seine überschuldete AG für einen Euro. Bald darauf ist das Unternehmen zahlungsunfähig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue, Insolvenz-Verschleppung und unlauterem Wettbewerb.


Offizieller Film-Trailer


 

14 Ferraris für Führungskräfte

 

Derweil schmaucht MEG seine Cohiba-Zigarren in einer Villa mit Pool an der türkischen Ägäis-Küste. 21 Millionen Euro Forderungen seiner Gläubiger kümmern ihn nicht: Der 32-Jährige arbeitet für die «Göker Consulting Group», die auf seine Mutter eingetragen ist. Als einfacher Angestellter.

 

Fünf Jahre lang hat MEG das beschauliche Kassel aufgemischt: mit einer Fahrzeug-Flotte von 14 Ferraris für seine Führungskräfte. Mit stundenlangen Gala-Events in der Stadthalle, auf denen er sich feiern lässt. Mit Star-Gästen wie Costa Cordalis und Jürgen Drews, die mit dem Firmen-Hubschrauber einfliegen.

 

Kamera-Überwachung am Arbeitsplatz

 

Der hyperaktive Adrenalin-Junkie liebt solche Inszenierungen. Er braucht immer Publikum, vor dem er sich ereifern kann. In Schulungen schärft er seinen Mitarbeitern ein, alles «so zu tun, wie ich es will und ich es sage». Bei pompösen Festen zeichnet er sie mit Urkunden und Pokalen aus: Jeder soll sich einmal als Sieger fühlen. Ehrgeiz treibt die Erlöse hoch.

 

Dafür installiert MEG im Firmensitz Breitwand-Bildschirme, die 30 Top-Verkäufer samt aktuellem Verdienst auflisten. Beim Abendessen im Kollegen-Kreis lässt er sich Tages-Umsätze vorlegen. Wer nicht die geforderten Zahlen bringt, wird beschimpft – und von Video-Kameras am Arbeitsplatz überwacht. Bis er rausfliegt.

 

Spezialist für Größenwahn

 

Diesen Leistungs-Fetischisten beobachtet Klaus Stern mit der Kamera. Als «Spezialist für Größenwahn» findet er die Hauptfiguren seiner Dokus in der nordhessischen Provinz: einen New-Economy-Pleitier für «Weltmarktführer» (2004). Einen Filmhändler, der «Leo Kirch ans Bein pinkeln» konnte, für «Lawine» (2007). Oder einen Kleinstadt-Bürgermeister, der auf Äckern und Wiesen ein Ferien-Paradies hochziehen will, für «Henners Traum» von 2010.

 

Kommentarlos begleitet Stern seine Protagonisten und lässt sie sich um Kopf und Kragen reden. Ihm macht es Selbstdarsteller MEG fast zu einfach: Er klopft ständig Schultern und starke Sprüche; er liefert en gros bizarre Details. Die braucht der Filmemacher nur aufzuspießen: MEG-Tätowierungen, zu denen der Boss seine Vertrauten nötigt. Oder Heiratsanträge im Rampenlicht, wobei er sie einschwört, «ein Leben lang Blut, Herz und Seele zu teilen für diese Firma».

 

Bis zu 21 Monats-Raten Provision

 

Was einem Möchtegern-Autokraten eben an männerbündischen Ritualen so einfällt. Darüber kommt die Analyse der MEG AG zu kurz. Ehemalige berichten von sektenartigen Strukturen und diktatorischem Auftreten. Doch wie verdiente der Betrieb in wenigen Jahren so viel Geld?

 

Sein Geschäftsmodell erklärt nur das Kleingedruckte im Presseheft. Private Krankenversicherungen zahlen Vermittlern enorme Provisionen: bis zu 21 Monats-Raten. Die dürfen sie aber nur behalten, wenn der Neukunde mindestens 15 Monate lang seine Beiträge entrichtet. Storniert er vorher seinen Vertrag, müssen Berater ihre Vorschüsse teilweise zurückerstatten. Dafür bildete die MEG AG kaum Rücklagen.

 

Versicherungen geben keine Auskunft

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Ein Schneeball-System, das auch die Mitarbeiter einbezieht. Sie müssen ihre Kontakt-Adressen teuer erwerben. Wenn sie nicht permanent Policen absetzen, verschulden sie sich bei ihrem Arbeitgeber.

 

Dieses Ausbeutungs-Schema deutet der Film nur an; stattdessen schwelgt er in Bildern firmeneigener Videos über vergangene Erfolge. Kein Wunder: Die Strippenzieher der Branche sind die Versicherungs-Konzerne – und die verweigerten dem Regisseur jede Auskunft.


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