Nadine Labaki

Wer weiß, wohin?

Zwei Bademoden-Welten treffen am improvisierten Pool aufeinander: links sittsame Dörflerinnen, rechts freizügige Ukrainerinnen. Foto: Tobis Filmverleih

(Kinostart: 22.3.) Frauen-Power in Nahost: Regisseurin Nadine Labaki entschärft den Religions-Konflikt im Libanon mit Bauchtanz und Hasch-Keksen. Ihr Toleranz-Märchen glänzt mit hübschen Einfällen, gerät aber etwas unausgegoren.

Der ganze Libanon wird von religiösen Unruhen erschüttert. Der ganze Libanon? Nein: In einem kleinen Dorf irgendwo in den Bergen herrscht fragiler Friede zwischen Moslems und Christen, die knapp 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wenn Männer aufbrausen und Streit anfangen, gehen ihre Frauen resolut dazwischen.

 

Info

Wer weiß, wohin?

 

Regie: Nadine Labaki, 100 min., Frankreich/ Libanon 2011;
mit: Claude Baz Moussawbaa, Layla Hakim, Yvonne Maalouf

 

Website zum Film

Bis kleine Sticheleien und Provokationen eskalieren: Jemand treibt in die Moschee eine Herde von Ziegen, die Gebets-Teppiche besudeln. Im Gegenzug mischt ein Unbekannter das Weihwasser in der Kirche mit Hühner-Blut; schon wollen Hitzköpfe auf beiden Seiten zu den Waffen greifen. Da suchen Frauen um die resolute Bürgermeister-Gattin Yvonne (Yvonne Maalouf) nach Ablenkung – und holen ein Quintett ukrainischer Animier-Damen ins Dorf.

 

Mutter versteckt Sohnes-Leiche

 

Die langbeinigen Blondinen verdrehen allen Männern den Kopf. Währenddessen stirbt einer von ihnen: Der junge Nassim gerät auf Überland-Fahrt mit dem Moped in einen Schusswechsel verfeindeter Milizen. Seine Mutter Takla (Claude Baz Moussawbaa) versteckt die Leiche, um Blutrache zu verhindern. Anschließend geben die Frauen ein ausschweifendes Bauchtanz-Fest und füttern ihre Männer mit Haschisch-Keksen.


Offizieller Film-Trailer


 

Pfingstwunder nach dem Haschisch-Rausch

 

Während die bekifften Machos mit den Ukrainerinnen flirten, machen ihre Frauen die Feuerwaffen unschädlich. Als die Düpierten aus ihrem Rausch erwachen, erleben sie ihr Pfingstwunder: Ihre Mütter, Gemahlinnen und Töchter reden in Zungen und haben ihre Herzen einem neuen Gott geweiht.

 

Ein blumiges orientalisches Märchen über Toleranz hat sich Nadine Labaki da ausgedacht. Die Libanesin vertritt quasi im Alleingang den Feminismus im arabischen Kino. Ihr Debütfilm «Caramel» (2007) porträtiert drei Frauen, die gegen alle Widrigkeiten in Beirut einen Schönheits-Salon betreiben: leichtfüßig, charmant und streckenweise etwas seicht.

 

Flicken-Teppich mit wechselnder Tonlage

 

Mit dem Nachfolger hat sich Labaki viel vorgenommen: Religions-Konflikte, Bürgerkriegs-Vergangenheit und Kritik am Machismo ihrer Landsleute. Das Ergebnis sieht wie ein Flickenteppich aus, der alle paar Minuten Stimmung und Tonlage wechselt: Mal Sitten-Gemälde, mal Bauern-Schwank, Musical-Melodram oder Tragikomödie.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Huhn mit Pflaumen“ von Marjane Satrapi

 

und hier ein Interview mit Marjane Satrapi über Filmemachen als Frau im Orient

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den israelischen Film „Lebanon“ von Samuel Maoz, Gewinner der Goldenen Palme in Cannes 2009.

Zudem treibt die Regisseurin ihre Fabel in erratischen Sprüngen voran. Einige Episoden werden haarklein ausgebreitet, andere nur elliptisch angedeutet. So bleibt mancher Erzähl-Strang am Wegesrand liegen: Was aus der heimlichen Liebe zwischen der christlichen Café-Wirtin Amale, gespielt von Labaki selbst, und dem muslimischen Handwerker Rabih wird, bleibt ebenso ungeklärt wie das Motiv für die konspirative Kumpanei zwischen Imam und Priester oder der Verbleib der fünf Import-Grazien aus der Ukraine.

 

Marien-Wunder am Flipper-Automaten

 

Der Film hat starke Momente: In der Eingangs-Sequenz tanzen trauernde Frauen mit physischer Präsenz, als habe Sasha Waltz ihre Bewegungen choreographiert. Und glänzt mit hübschen Einfällen: Als Christinnen von der Jungfrau Maria ein Wunder erflehen, blinkt das Pin-Up-Girl auf einem alten Flipper-Automaten – das bringt sie auf die Idee, Nachtclub-Schönheiten zu engagieren.

 

Ebenso ist ihm die Leidenschaft und Lust an der Improvisation anzumerken, mit denen die Regisseurin eine Schar libanesischer Laien-Darsteller dirigiert. Insgesamt macht «Wer weiß, wohin?» jedoch einen etwas unausgegorenen Eindruck – und damit seinem Titel alle Ehre.


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