Mads Mikkelsen

Die Königin und der Leibarzt

Verbotene Liebe: Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) und Leibarzt Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen). Foto: MFA Film

(Kinostart: 19.4.) Revolution von oben in Dänemark: 1768 wird ein Arzt zum Herrscher und setzt in nur zwei Jahren die Aufklärung durch, wofür er geköpft wird. Fesselndes Historien-Drama von Nikolaj Arcel, mit Silbernen Bären prämiert.

Was für eine Geschichte! Johann Friedrich Struensee, 1737 in Halle geborener Pastorensohn und Arzt, führt im dänisch regierten Altona die Pocken-Impfung ein. Er wird ab 1768 nicht nur Leibarzt, sondern auch Berater und schließlich Generalbevollmächtigter des geistesschwachen Königs Christian VII. In nur zwei Jahre reformiert er den gesamten dänischen Staat nach den Blaupausen der Aufklärung: Feudale Privilegien werden abgeschafft, bürgerliche Freiheiten eingeführt.

 

Info

Die Königin und der Leibarzt – En kongelig affære

 

Regie: Nikolaj Arcel; 133 min., Dänemark/ Deutschland 2012;
mit: Mads Mikkelsen, Alicia Vikander, Mikkel Følsgaard

 

Website zum Film

Zugleich wird Struensee heimlicher Geliebter der Königin Caroline Mathilde. 1772 wird er Opfer einer Hof-Intrige, in einem Schauprozess verurteilt und geköpft. Die absolutistische Reaktion setzt zwar die meisten seiner mehr als 2000 Dekrete – unter anderem zur Abschaffung von Leibeigenschaft und Folter sowie zur Gründung von Findelhäusern und Hospitälern – zunächst außer Kraft.

 

Grundlage für das moderne Dänemark

 

Doch Thronfolger Friedrich VI., Sohn der am Ende verbannten Caroline Mathilde und Christians VII., nimmt das Aufklärungswerk ab 1784 wieder auf. Er legt damit die rechtlichen Grundlagen für das moderne Dänemark. Kein Wunder, dass dort heute jedes Schulkind die Affäre Struensee kennt.


Offizieller Film-Trailer


 

Enquist-Roman als Vorlage

 

Im Ausland ist das Schicksal des tragischen Aufklärers und Abenteurers dagegen wenig bekannt, trotz einer achtbaren Reihe theatralischer, filmischer und belletristischer Bearbeitungen des Stoffes – darunter Per Olov Enquists Roman «Der Besuch des Leibarztes» von 1999, der als Vorlage für das Drehbuch diente.

 

Umso verdienstvoller ist, dass der bislang im Ausland ebenfalls wenig bekannte dänische Regisseur Nikolaj Arcel einen klassischen Historien-Film gedreht hat; er hält sich an die überlieferten Fakten und bietet trotzdem großes Kino. In erlesenen Bildern präsentieren Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen als Struensee, der junge Theaterschauspieler Mikkel Følsgaard als Christian VII. (auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet) und die schwedische Hollywood-Hoffnung Alicia Vikander als Caroline Mathilde eine streckenweise rührend schöne Revolution von oben.

 

Parforce-Ritt der Gefühle

 

Sie nimmt den Zuschauer auf einen Parforce-Ritt der Gefühle mit: von Freundschaft, Liebe und Hoffnung im gesellschaftlichen Aufbruch über Härte und Hass im siegreichen Kampf gegen böse Mächte bis hin zu Verrat, Angst und Einsamkeit im Untergang. Und weil das Private immer zugleich politisch ist, entscheidet sich in der ménage à trois am Ende auch europäische Geschichte.

 

Dabei gehört zu den Glanzlichtern, wie Struensee es schafft, durch alle Verwirrungen des Königs hindurchzusehen, in ihm ein Fünkchen Vernunft auszumachen und anzufachen; die zunächst kindische, defensive Aufsässigkeit des Staats-Clowns zu fokussieren und zur Mündigkeit zu bringen. Das ist angewandter Glaube an den Menschen mit fast schon frühromantischer Schwärmerei.

 

Heilige Allianz der Philantropen

 

Kaum weniger exemplarisch die rückhaltlose Neugier von Caroline Mathilde, die sich als junge Zwangsverheiratete auf ihren königlichen Gebär-Auftrag beschränken könnte. Zumal ihr Gemahl Christian sie öffentlich düpiert, betrügt und damit verletzt – und sie ihn dennoch aus einer Grundzärtlichkeit heraus ernst nimmt, ernster als jeder andere am Hofe.

 

Ihre Affäre mit Struensee ist unausweichlich: als heilige Allianz der vorurteilsfreien Philantropen für den geistig immer gefährdeten König. Der wäre vielleicht sogar bereit, das erotische Timbre einer solchen Allianz, nicht aber den damit verbundenen Liebesentzug hinzunehmen.

 

Ambivalente historische Figur

 

Doch Struensee erscheint auch als ambivalente historische Figur. Er gibt dem König zuerst das nötige Selbstvertrauen, das er ihm kurz darauf wieder nimmt, als er das feudal-reaktionäre Kabinett entmachtet und sich zum alleinigen Regierungs-Chef aufschwingt. Er kassiert die eben erst gewährte Pressefreiheit, sobald sie seinen eigenen Handlungs-Spielraum gefährdet. Struensee instrumentalisiert zudem bedenkenlos die Königin und seinen eigenen Vertrauten Enevold Brandt – der noch vor ihm aufs Schafott steigen wird.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über die Verleihung des „Europäischen Filmpreises 2011“ an Mads Mikkelsen.

Offen bleibt, ob dieser Struensee ihrer aller Bewunderung tatsächlich verdient und sein Aufklärungs-Projekt alle Opfer rechtfertigt. Offen bleibt, ob die Politik und vor allem das Volk, dem sie gilt, im Film nicht zu kurz kommen; über die Gemächer und Flure des königlichen Schlosses gelangt der Blick nur selten hinaus. Und offen bleibt, ob das Drehbuch, an dem Lars von Trier beteiligt war und das ebenfalls mit einem Silbernen Bären prämiert wurde, die unerhörte Geschichte nicht zu glatt und brav erzählt.

 

Fesselnde Geschichtsstunde

 

Doch hier könnte die Schwäche sich als Stärke erweisen: weil Arcel es nicht primär der Dramaturgie, sondern seinen Akteuren überlässt, Kraft und Dynamik zu entwickeln. Letztlich verweisen alle offenen Fragen zurück auf die zentralen Figuren und setzen so das Nachdenken über sie in Gang – über die erotisch schillernde Magie des regierenden Philosophen und den anarchischen Infantilismus des Königs. Zum reinen Augenschmaus wird der Film so nicht – wohl aber zu einer fesselnden, aufwühlenden und anregenden Geschichtsstunde.


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