Berlin

Gallery Weekend 2012

Julian Schnabel: The Unknown Painter and The Muse He Will Never Meet, 2011, Öl auf Polyester. Foto: Contemporary Fine Arts

Rekord beim alljährlichen Höhepunkt des hauptstädtischen Kunst-Frühlings: 51 Galerien eröffnen gleichzeitig neue Ausstellungen. Altmeister der zeitgenössischen Kunst sollen Besucher-Scharen und kaufkräftige Sammler anlocken.

Berlins Galerien im Rekord-Rausch: Was 2005 mit einem guten Dutzend Teilnehmer begann, mausert sich zum Mega-Ereignis. Am diesjährigen Gallery Weekend nehmen 51 Galerien offiziell teil, so viele wie noch nie – jede mit einer Vernissage. Auch die Berlin-Biennale beginnt an diesem Wochenende.

 

Info

Gallery Weekend 2012

 

27.04.2012 – 29.04.2012
in 51 Berliner Galerien

 

Website der Veranstalter

 

Virtueller Galerien-Rundgang

Damit nicht genug: Etliche der übrigen rund 450 Kunst-Galerien in der Hauptstadt eröffnen  eigene Ausstellungen an diesem Wochenende. Mit verlängerten Öffnungszeiten werben sie um Besucher: Kunst-Interessierte und zahlungskräftige Sammler, die angeblich in Scharen an diesem Wochenende in Berlin einfliegen. Für sie stehen nicht nur ein Limousinen-Shuttle-Service bereit; zum gemeinsamen VIP-Dinner der Veranstalter werden 1000 Gäste erwartet. Viele Galerien bewirten zusätzlich ihre besten Kunden

 

Art Forum fiel 2011 aus

 

Der Rummel um das Gallery Weekend ist nur durch das Ende der Kunstmesse «Art Forum» zu erklären. Sie fiel im vergangenen Herbst aus, weil sich die Messegesellschaft mit führenden Galerien nicht einigen konnte. Die Alternativ-Messe «art berlin contemporary» ist umstritten: Dort geben acht Berliner Galeristen den Ton an und machen den Teilnehmern Vorgaben.


Impressionen des Gallery Weekends: Diane Arbus bei Kicken Berlin, Jenny Holzer und Anthony McCall bei Sprüth Magers, Julian Schnabel bei Contemporary Fine Arts sowie Andy Warhol und Hans Arp bei Crone


 

Keine Risiken mit Newcomern

 

Anders beim Gallery Weekend: Hier bestimmt jede Galerie selbst, was sie zeigt – die meisten  setzen auf zugkräftige Namen. In diesem Jahr fällt die Häufung von Altmeistern der zeitgenössischen Kunst auf: Der Anlass ist zu wichtig, um mit Newcomern Risiken einzugehen.

 

Ein kleiner Coup ist «Contemporary Fine Arts» gelungen. In den weitläufigen Galerie-Räumen direkt gegenüber der Museumsinsel wird Julian Schnabel gezeigt: seine erste umfassende Ausstellung hierzulande seit der Retrospektive in der Frankfurter Schirn 2004. Schnabel präsentiert großformatige Ölbilder mit gestischer Bemalung vorgefundener Motive, etwa indischer Gottheiten oder Schäfer-Idyllen.

 

Jenny Holzer übermalt Geheimdienst-Akten

 

Zwei US-Stars hat auch «Sprüth Magers» verpflichtet: Jenny Holzer und Land Art von Anthony McCall. Holzer hat ihre üblichen LED-Leuchtbänder zu einem halbrunden Turm montiert; eine ähnliche Konstruktion ist derzeit in der Ausstellung «ART and PRESS» im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Daneben überrascht sie mit ungewohnten Tafelbildern: Übermalungen von Militär- und Geheimdienst-Akten, in denen sie Reizworte wie «waterboarding» herausstellt.

 

Eine grande dame der amerikanischen Doku-Fotografie zeigt «Kicken Berlin»: Arbeiten von Diane Arbus. Nicht ohne Déjà-Vu-Effekt; viele Motive sind bereits häufig reproduziert worden. Dennoch beeindruckt die Begegnung mit der schonungslos sezierenden Ästhetik der Originale.

 

Warhol und Arp betonen Umriss-Linien

 

Auf zwei Klassiker des 20. Jahrhunderts setzt «Crone» und kontrastiert frühe Zeichnungen von Andy Warhol mit Skulpturen von Hans Arp. Diese Kombination funktioniert verblüffend gut: Beide Werk-Gruppen betonen die Umriss-Linien von Objekten und Motiven – wobei Warhols private Skizzen eher als Fingerübungen anzusehen sind.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Kunst-Messeart berlin contemporary” 2011 in Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Berlin Circle” von Richard Long im Hamburger Bahnhof, Berlin

 

und hier eine kultiversum-Kritik der Ausstellung von Robert Longo in der Kunsthalle Weishaupt, Ulm.

Andere Publikums-Magneten im Angebot sind fotorealistische Kohle-Zeichnungen von Robert Longo bei «Capitain Petzel», Land Art von Richard Long bei «Konrad Fischer» oder Zaha Hadid bei «Buchmann» – von der renommierten Architektin werden mit Lack auf Polyester gemalte Wanderdünen-Visionen vorgestellt.

 

Virtueller Galerien-Rundgang am PC

 

Wem das gallery hopping von einer Vernissage oder Party zur nächsten zu anstrengend ist, kann das Weekend am Computer erleben: Erstmals lässt sich ein virtueller Rundgang am Bildschirm absolvieren. Dazu braucht man einen höchstens drei Jahre alten PC, auf dem spezielle Software installiert werden muss – dann kann man online auch andere Kunst-Freunde kontaktieren. Was jedoch schneller und intensiver in realen Galerie-Räumen geht: Auf ins Getümmel!


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