Hannover

Ilya Kabakov: A Return to Painting 1961 – 2011

Ilya Kabakov: Drei Gemälde mit dem schwarzen Punkt #2, 2009, Öl auf Leinwand, 510 x 786 cm. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Schwarzes Loch des Sozialistischen Realismus: Der berühmteste Künstler der „Moskauer Konzeptualisten“ demonstriert im Sprengel Museum das Verschwinden des sowjetischen Motiv-Kosmos mit virtuoser Tafel-Malerei.

Ilya Kabakov als Maler? Der berühmteste der „Moskauer Konzeptualisten“, zu denen auch Erik Bulatov und Boris Mikhailov zählen, ist für ganz andere Techniken bekannt: Verspielt vielschichtige Text-Bilder, die Leinwände zum Schreibgrund für Listen, Tabellen und Formulare umfunktionieren.

 

Info

Ilya Kabakov: A Return to Painting 1961 – 2011

 

29.01.2012 – 29.04.2012
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover

 

Katalog 29 €

 

Weitere Informationen

Bis er sie ins Räumliche ausdehnte: Mit ausladenden Installationen hat er die engen Lebenswelten der untergegangenen Sowjetunion in den westlichen Kunstbetrieb eingeführt. Kommunalka-Wohnkuchen, Bürokraten-Amtsstuben oder Eisenbahn-Waggons – penibel rekonstruiert und mit Memorabilia ausstaffiert.

 

Zeichnungen für Kinderbücher

 

Doch Kabakov ist diplomierter Illustrator: Nach der Kunstakademie verdiente er sein Geld mit Zeichnungen für Zeitschriften und Kinderbücher. Seither fertigt er auch herkömmliche Ölgemälde an: von figurativen Travestien des Sozialistischen Realismus bis zu mehrteiligen Rätsel-Bildern zwischen Rebus und Assemblage. Dieser Seite seines Schaffens widmet nun das Sprengel Museum eine große Werkschau mit rund 60 Arbeiten aus einem halben Jahrhundert.


Impressionen der Ausstellung


 

Sperrholz-Satellit + Engel-Armada

 

Ganz ohne Raum-Objekte kommt diese Ausstellung zwar nicht aus. Vor dem Eingang empfängt ein Modell für „Meines Vaters Haus“ die Besucher: ein bizarr geschwungener Bau mit drei Flügeln gewährt Ausblick nach allen Seiten. Eine Phantasie totaler Übersicht wie der Sperrholz-Satellit, den Kabakov unter die Decke hängt, und die Engel-Armada, die er eine Miniatur-Landschaft überfliegen lässt.

 

Zu kühneren Höhenflügen schwingen sich seine Bild-Erfindungen mit Pinsel und Farbe auf. Etwa in der Serie „Am Rande“, in der Heerscharen altrussischer Bauern wie Ameisen am Rahmen entlang wandern – die Bildflächen bleiben leer. Oder seine Einblicke in das „Leben der Fliegen“, die das unscheinbare Insekt mit erheblichem künstlerischen Aufwand einfangen: Das Missverhältnis zwischen Medium und dem Gegenstand seiner Aufmerksamkeit gebiert Grotesken.

 

Malerei demonstriert Verschwinden

 

Ist hier die konzeptuelle Nähe zu seinen Installationen noch offensichtlich, scheint sich Kabakov im letzten Jahrzehnt wieder dem klassischen Tafelbild zuzuwenden: Um Bleibendes zu schaffen, das temporäre Ausstellungs-Arrangements überdauert, wie er erklärt. Auf dieser „Rückkehr zur Malerei“ liegt der Schwerpunkt der Schau.

 

Doch die malerischen Mittel täuschen: Kabakov nutzt sie vor allem, um ihr Verschwinden zu demonstrieren, wie in der Bildfolge „Sie fliegen“. Das ist wörtlich zu verstehen: Versatzstücke des Soz-Realismus – Idyllen aus Heimat, Familien- und Arbeitsleben – trudeln wie Schnipsel über die Bildflächen. In verblassten Farben und perspektivisch verkürzt, als würden sie vom Sturm der Geschichte fortgeweht.

 

Sowjetischer Motiv-Kosmos zerfällt

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Baumeister der Revolution“ über Sowjetische Kunst und Architektur 1915 – 1935 im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Retrospektive „Time is out of joint“ mit Fotografien von Boris Mikhailov in der Berlinischen Galerie

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Stiller Widerstand” über Fotografien des Russischen Piktorialismus 1900 – 1930 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

Das Kontrast-Programm dazu bietet die Serie „Sie schauen“. In Gruppen-Porträts reiht Kabakov Gestalten und Gesichter seiner Verwandtschaft auf, deren Züge er alten Fotografien entnimmt. Als könne er, indem er sie auf Leinwänden fixiert, ihr Antlitz vor dem Vergessen bewahren, in das sie Schemen gleich zu entschwinden scheinen.

 

Wie das Land, dem sie entstammen: Es ist schon zwei Jahrzehnte her, dass die Sowjetunion zerfiel – und mit ihr der Motiv-Kosmos, auf den sich Kabakovs Kunst bezieht. Sein Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit wird am deutlichsten in den „Raumcollagen“ sichtbar. Hier überlagern sich die Embleme und Klischees der Soz-Art wie Fetzen von Papierbahnen. Der Maler scheint sie wie alte Tapeten abzureißen, um ältere Schichten freizulegen – wobei das unvermeidliche Stalin-Konterfei an der Wand zum Vorschein kommt.

 

Schwarzes Loch im Zentrum

 

In drei „Gemälden mit dunklem Fleck“ steigert Kabakov das Prinzip einander überlagernder Schichten ins Monumentale. Private Szenen kippen und kreisen um ein schwarzes Loch im Zentrum, das allmählich alles aufzusaugen scheint. Doch bevor es soweit ist, bannt der Maler noch einmal seine Erinnerungen im XXL-Format auf die Leinwand: ein hypertrophes Denkmal ihrer selbst, bevor sie erlischt.


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