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Die Einsamkeit des Zombie-Jägers: Juan (Alexis Díaz de Villegas) auf seinem Floß in der Bucht von Havanna. Foto: Kinostar

Juan of the Dead


(Kinostart: 12.4.) Untote aus den USA bedrohen den Kommunismus auf Kuba: Seine Zombiefilm-Parodie macht Regisseur Alejandro Brugués zur Metapher für die Karibik-Insel, die mit angehaltenem Atem auf den Tod der Revolution wartet.


Ein vorbildlicher Staatsbürger ist Juan (Alexis Díaz de Villegas) sicher nicht: ein Herumtreiber und Tagelöhner, der von den Gelegenheiten lebt, die sich bieten. Seine Frau hat sich längst nach Spanien abgesetzt, seine Tochter (Andrea Duro) verachtet ihn. Aber Juan will auf Kuba bleiben, denn hier muss er nicht arbeiten.

 

Info

Juan of the Dead

 

Regie: Alejandro Brugués, 92 Min., Kuba/ Spanien 2011;
mit: Alexis Díaz de Villegas, Jorge Molina, Andrea Duro

 

Weitere Informationen

Mit dieser zen-anarchistischen Einstellung hat er seine Scheidung überstanden sowie die ominöse «spezielle Periode … und was danach kam». Er lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als ihm und seinem Freund Lázaro (Jorge Molina) beim Müll-Angeln im Hafenbecken von La Havanna ein aggressiver Untoter an den Haken geht. Der Zombie wird harpuniert, und beide gehen weiter ihren Tagesgeschäften nach.

 

Von den USA gesteuerte Dissidenten

 

Doch allmählich tauchen immer mehr lebende Tote auf, die das Staatsfernsehen zu Dissidenten erklärt, die von den USA gesteuert werden. Juan und seine Freunde wissen es seit einer weiteren unheimlichen Begegnung der Zombie-Slapstick-Art zwar besser, nutzen aber die Gelegenheit, um mit einem Untoten-Beseitigungs-Service («Wir töten Ihre Liebsten») aus der Situation Kapital zu schlagen.


Offizieller Film-Trailer


 

La Havanna in Schutt und Asche

 

Das scheint, trotz zunehmend desolater Lage, zunächst gut zu gehen. Als die «Dissidenten» jedoch die Überhand behalten und Havanna allmählich in Schutt und Asche fällt, muss Juans kleiner werdende Schar von Freunden feststellen, dass es für eine Flucht fast schon zu spät ist.

 

Wie jeder gute Zombie-Film funktioniert auch «Juan of the Dead», dessen parodistischer Ansatz schon im Verweis auf den britischen Schenkelklopfer «Sean of the Dead» deutlich wird, auf zwei Ebenen: Da wäre zunächst die handwerkliche, die vom Make-Up bis zur originellen Tötungs-Methode eigentlich alle Schauwerte einschließt.

 

Massen-Enthauptung per Bord-Harpune

 

Auf dieser Ebene kann Regisseur Alejandro Brugués durchaus überzeugen: Sein Film wartet nicht nur mit beeindruckenden Massen-Szenen und computer-generierten money shots auf, sondern erweitert den Kanon auch um ein paar Novitäten.

 

Die Zwille als Waffe der Wahlvon Juans Transen-sidekick, eine Massen-Enthauptung per Bord-Harpune und ein durchtrainierter Zombie-Jäger, der kein Blut sehen kann und vor seinem unvermeidlichen Ende trotzdem eine beeindruckende Tötungsquote einfährt, dürften Hardcore-Fans zu Szenen-Applaus begeistern.

 

Volkseigenes Talent zur Improvisation

 

Auf der zweiten, symbolischen Ebene gelingt dem Film ein wirkliches Kunststück. Ein derartig liebevoll gestaltetes Untergangs-Szenario für das kommunistische Kuba wäre dort wohl niemals gefördert worden, wenn das Drehbuch nicht wenigstens den Schein der Linientreue wahren würde.

 

So wird die Mär von den Dissidenten einfach nicht aufgelöst. Juan und seine Freunde stehen als letztes Bollwerk der kubanischen Home Security da; sie widerstehen dem US-amerikanischen Übernahme-Versuch mit dem volkseigenen Talent zur Improvisation und der allgemeinen Fähigkeit, sich irgendwie durchzuwursteln.

 

Verfall und stehen gebliebene Zeit

 

In den Worten des Regisseurs: «Im Grunde gibt es für Kubaner drei Strategien, um mit Problemen fertig zu werden. Entweder sie versuchen, aus diesen Profit zu schlagen, oder aber sie arrangieren sich damit und machen so weiter wie bisher. Falls jedoch beides misslingt, so ergreifen sie die Flucht und stürzen sich in die Fluten…»

 

Juan und seine bunte Truppe durchlaufen alle Phasen dieser Strategie und stehen am Ende doch als die wahren Patrioten da. Das feindliche Ausland und sein Festival-Publikum werden dagegen die Bilder von Verfall, Überalterung und stehen gebliebener Zeit auf ihre Weise zu deuten wissen.

 

Fahrstuhl fährt nur durch gemeinsames Springen

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Vodou – Kunst und Kult aus Haiti" über die Bedeutung von Zombies in der Vodoo-Religion im Übersee-Museum, Bremen

La Havanna spielt dabei die heimliche Hauptrolle. Pittoreske Elemente vom Cadillac-Relikt bis zum spanischen Balkon werden umgedeutet zu Emblemen einer Stadt, in der alles lebendig und tot zugleich zu sein scheint. Der Fahrstuhl lässt sich nur durch gemeinsames Springen abwärts und noch viel seltener aufwärts bewegen; Pointen mit Stromausfällen werden ausgiebig eingesetzt und verfehlen nie ihr Ziel.

 

So lässt sich «Juan of the Dead» auf drei Ebenen genießen: Erstens als gelungene Genre-Parodie, zweitens als Metapher auf den angehaltenen Atem eines Landes, das auf den Tod der Revolution wartet – oder drittens als kubanischer Durchhalte-Film mit flottem Soundtrack.



Von Eric Mandel, veröffentlicht am 10.04.2012





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