Düsseldorf

Künstlerinnen-Räume

Candida Höfer: SPIEGEL-Kantine Hamburg II, 2000, Farbfoto/C-Print. Foto: © Candida Höfer, VG Bild-Kunst, Bonn

Wunderkammern im Wortsinne: Räume im K21 Ständehaus reserviert die Kunstsammlung NRW für jeweils einen Künstler – zeitweilig oder dauerhaft. Der Rundgang durch sechs neue Kammern gleicht einem Staffellauf der Kontraste.

Wunderkammern wörtlich genommen: Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen verfolgt im «K 21 Ständehaus» eine so simple wie einleuchtende Strategie. Räume im zweiten und dritten Geschoss des 2002 umgebauten Gründerzeit-Baus, der bis 1988 den NRW-Landtag beherbergte, sind jeweils einem einzelnen zeitgenössischen Künstler gewidmet.

 

Info

Künstlerinnen-Räume

 

10/2011 bis 29.04.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im K21, Ständehausstraße 1, Düsseldorf

 

Weitere Informationen

Teils werden die Räume von Kuratoren, teils von den Künstlern selbst eingerichtet. Das erlaubt die Konzentration auf je eine großflächige Installation oder eine zusammenhängende Werkgruppe. Und sorgt für einen Überraschungs-Effekt, der die Aufmerksamkeit schärft: Hinter jedem Eingang, hinter jeder Tür verbirgt sich ein eigener Kunst-Kosmos.

 

Seit Oktober 2011 sind zu den bestehenden Räumen sechs neue Kabinette hinzugekommen. Temporär werden Werke von einem halben Dutzend Künstlerinnen gezeigt. Den Anfang machten Keramik-Arbeiten von Rosemarie Trockel; die Reihe schloss Anfang März mit Fotografien von Candida Höfer.


Impressionen der Künstlerinnen-Räume von Höfer, Messager, Bontecue, Trockel, Spero und Posenenske sowie der Räume von Thomas Hirschhorn, Christian Boltanski, Juan Muñoz und Thomas Schütte


 

Kabinett als windige Dunkelkammer

 

Sie präsentiert, passend zum Ausstellungsort, Aufnahmen von Innenräumen – in der von ihr gewohnten Nüchternheit. Die zentralperspektivischen, neutralen Ansichten wirken allein durch ihr Motiv; etwa, wenn sich die Kantine des alten SPIEGEL-Verlagshauses in Hamburg als überdesignte Op-Art-Hölle in kreischenden Rottönen entpuppt. Das kontrastiert mit einer schwarzweißen Bilder-Serie alter Flipper-Automaten – längst Opfer der Digital-Technik.

 

Annette Messager verwandelt ihr Kabinett mit der Installation «Sous Vent» in eine Dunkelkammer. Ein Gebläse bewegt ein semitransparentes Seidentuch, das den Boden bedeckt. Darunter sind schwach beleuchtete Objekte sichtbar, die zu erkennen schwer fällt. Was immer es auch sei: Es spricht den Entdeckergeist der Besucher an.

 

Verführerischer Sog in der Isolation

 

Als einzige der sechs Künstlerinnen reizt Messager die Inszenierungs-Möglichkeiten in geschlossenen Räumen konsequent aus. Die zugleich massig und fragil wirkenden Keramiken von Rosemarie Trockel könnten überall gezeigt werden; ebenso die flüchtig hingetuschten Bilder von Nancy Spero, mit denen sie Ende der 1960er Jahre gegen den Vietnam-Krieg protestierte.

 

Dagegen erweist sich für Arbeiten von Lee Bontecue das Separée als idealer Ort. Ihre zugleich biomorph und technoid wirkenden Rauch-Zeichnungen und Stahl-Skulpturen entfalten in der Isolation der Einzelkammer einen bedrohlich verführerischen Sog. Selbst die minimalistischen Vierkant-Röhren und Industrie-Objekte aus Wellpappe von Charlotte Posenenske gewinnen dadurch: Nichts lenkt von ihrer trivialen Alltäglichkeit ab.

 

Bordstein-Juwelen ab Juni

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Retrospektive „Insights“ für Lee Bontecue im ZKM, Karlsruhe

 

und hier eine kultiversum-Besprechung der Ausstellung “Big Buildings – Modelle und Ansichten” mit Werken von Thomas Schütte in der Bundeskunsthalle, Bonn.

Dennoch merkt man den sechs Räumen an, dass sie nur zeitweilig bespielt werden. Überzeugender setzen andere Künstler die Idee um, die sich im K21 auf Dauer eingerichtet haben. Etwa Thomas Hirschhorn mit einer überbordenden Polit- und Konsum-Collage aus Fundstücken mit für ihn typischen Übermalungen. Oder Christian Boltanski, der mit überlebensgroßen Foto-Porträts an Gewalt-Opfer in Spanien erinnert – er schafft stets solche Gedenk-Räume und ist hier ganz in seinem Element.

 

Diese Reihe wird fortgesetzt. Ab Mitte Juni sind im Ständehaus zwei neue Räume von Hans-Peter Feldmann und Alicja Kwade zu sehen. Die gebürtige Polin wird «Bordsteinjuwelen» aus Hunderten funkelnder Glassteine präsentieren. Für eine solche Schatz-Kammer bietet das Raum-Konzept von K21 den richtigen Rahmen – man darf gespannt sein.


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