Karlsruhe

Kykladen – Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur

Dreier-Gruppe: Zwei männliche Kykladenidole tragen ein weibliches; Marmor, frühkykladisch II (2700-2400). Foto: Thomas Goldschmidt/ Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Abstraktion in der Antike: In der Bronzezeit schufen Insel-Bewohner in der Ägäis elegant stilisierte Marmor-Idole. Doch ihre Kultur bleibt weitgehend im Dunkeln, zeigt eine umfassende Überblicks-Ausstellung im Badischen Landesmuseum.

«Edle Einfalt, stille Größe» – das berühmte Wort von Johann Joachim Winckelmann zur Charakterisierung der griechischen Antike traf auf die archaische und klassische Plastik nie zu; die war einst grellbunt bemalt. Eher schon auf ihre Vorläufer: die Marmor-Idole von den Kykladen-Inseln – zwölf bis 15 Eilande in der Ägäis, die wie ein Kreis (griech.: kyklos) um Delos herum angeordnet sind, die heilige Insel des Apollon.

 

Info

Kykladen – Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur

 

17.12.2011 – 22.04.2012
täglich 10 bis 18 Uhr im Badischen Landesmuseum, Schloss Karlsruhe

 

Weitere Informationen

Diese Figuren sind vier- bis fünftausend Jahre alt: Alle rund 1600 bis heute gefundenen Idole entstanden in der Bronzezeit zwischen 3100 und 2000 vor Christus. Doch ihre schematisch stilisierten Formen, die menschliche Körper auf das Wesentliche reduzieren, wirken fast zeitgenössisch. Nicht von ungefähr: Als ab 1900 die Kykladen-Idole einem größeren Publikum bekannt wurden, begeisterten sich Künstler der klassischen Moderne dafür.

 

Schöner als Brancusi

 

Henry Moore sammelte sie und ließ sich von ihnen zu seinen organisch abstrahierenden Skulpturen inspirieren. Picasso schwärmte über einen im Louvre präsentierten Idol-Kopf, er sei «noch schöner als ein Werk von Brancusi». Diese Hochschätzung kam einer völligen Umwertung gleich. Noch in den 1870er Jahren war von «barbarischen Gestalten» und «primitiven Marmorfiguren» mit «abstoßend hässlichem Kopf» die Rede: Sie widersprachen dem Bild, dass man sich von Griechen im Altertum machte.


Interview mit Ko-Kurator Bernhard Steinmann und Impressionen der Ausstellung


 

Farbe lässt Marmor langsamer verwittern

 

Die ästhetische Beurteilung wandelte sich radikal, während die Kultur, die sie hervorgebracht hatte, im Dunkeln blieb. Das gilt bis heute, wie die große Überblicks-Ausstellung im Badischen Landesmuseum zeigt: Sie trägt alle Befunde von Archäologen aus jüngster Zeit zusammen, bereitet sie anschaulich auf – und muss doch häufig passen. Die Schöpfer dieser Idole kannten keine Schrift; jede Theorie über sie beruht auf kargen Indizien.

 

So ist immer noch unklar, wen oder was diese Figuren darstellten und wozu sie dienten. Offenbar repräsentierten sie höhere Wesen oder Mächte und begleiteten ihre Besitzer: Traten diese in eine neue Lebensphase ein, wurde auch die Idol-Bemalung erneuert oder ergänzt. Das lässt sich anhand von Farbresten und Erhaltungszustand feststellen: Wo Farbe aufgetragen war, verwitterte das Material langsamer. Weshalb manche Figuren Musikanten, Thronende oder Gruppen darstellen, bleibt offen.

 

Geheimnisvolle Kykladen-Pfannen

 

Ebenso unbekannt ist der genaue Zweck so genannter «Kykladen-Pfannen». Diese Schalen mit Griff hatten vermutlich eine rituelle Bestimmung und waren reich verziert: Aufwändige Stern-, Kreis- und Spiral-Muster kommen häufig vor, gleichfalls Symbole für Schiffe, Fische oder weibliche Scham-Dreiecke. Möglicherweise wurden auf diesen Schalen Opfer dargebracht, um Fruchtbarkeit, reiche Ernten oder Beute zu erbitten.

 


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