Udo Kier

UFO In Her Eyes

Mit Flaggen geschmücktes Spanferkel: Das Dorf richtet zu Ehren des Besuchs von Steve Frost (Udo Kier) ein großes Fest aus. Foto: Pandora Film

(Kinostart: 26.4.) Ein Ami fällt vom Himmel und löst einen Bau-Boom im Dorf aus: Die absurde Modernisierungs-Satire von Regisseurin Xiaolu Guo ist eine subtile Komödie für China-Kenner und solche, die es werden wollen.

Chinas Filmindustrie boomt: Die Volksrepublik weist inzwischen den zweitgrößten Kinomarkt der Welt auf und beginnt sogar, in Hollywood zu investieren. Einen europäisch geförderten Film in China mit heimischer Regisseurin und Darstellern zu drehen, läuft auf das sprichwörtliche Tragen von Eulen nach Athen hinaus.

 

Info

UFO In Her Eyes

 

Regie:  Xiaolu Guo, 110 min., Deutschland 2010;
mit: Shi Ke, Udo Kier, Mandy Zhang

 

Website zum Film

Doch historisch-patriotische Blockbuster aus dem Reich der Mitte interessieren das europäische Arthouse-Publikum wenig. Es erwartet Einblicke in Chinas Kultur oder besser noch: klandestin-kritische Video-Produktionen mit hohem Ai-Weiwei-Faktor. Regisseurin Xiaolu Guo, deren Debüt «She, A Chinese» 2010 auch hierzulande lief, bietet von beidem etwas – aber nicht auf den ersten Blick.

 

Komplexe Landpartie

 

Dafür ist «UFO In Her Eyes» zu komplex angelegt. Zunächst ist es eine Reise in das ländliche, vom Bauboom der Metropolen unberührte China inmitten üppiger Naturkulisse. Fast der ganze Film spielt in einem Dorf, das weder verklärt noch denunziert wird. Man kann es förmlich riechen: frische Bergluft, gekochtes Gemüse und Misthaufen.


Offizieller Film-Trailer


 

Kristall-UFO mit Amerikaner

 

Dort geschieht etwas schwer Durchschaubares: Die ledige Bäuerin Kwok Yun (Shi Ke) findet eine Art Kristall. Sie blickt hinein, wird ohnmächtig und sieht nach dem Aufwachen einen verletzten Amerikaner (Udo Kier). Als sie ihm auf die Beine hilft, verschwindet er.

 

Der Dorfvorsteherin Chief Chang (Mandy Zhang) erzählt Kwok, sie hätte ein UFO gesehen. Hat sie wirklich? Was hat der geheimnisvolle Fremde damit zu tun? All das ist dem Film erst einmal herzlich egal.

 

Fünfjahres-Plan für Prunk-Bauten

 

Stattdessen bedankt sich der verschwundene Amerikaner per Post mit einem 3000-Dollar-Scheck. Das weckt den Ehrgeiz der Dorfvorsteherin: Sie organisiert florierenden UFO-Sichtungstourismus und plant Prunk-Bauten nach dem Vorbild der Oper von Sydney. Seltsamerweise geht zunächst alles gut. Kwok Yun will mittlerweile einen Lehrer heiraten, obwohl sie in einen Fahrrad-Monteur verliebt ist, dessen illegal errichtete Hütte abgerissen werden soll.

 

Am Tag ihrer Hochzeit im Hotel-Palast, der mit chinesischem Tempo hochgezogen wurde, kehrt der Amerikaner im Helikopter zurück. Zugleich liefern sich protestierende Bauern, die ihre Häuser räumen sollen, eine wüste Schlammschlacht mit der Polizei. Mittendrin der völlig entfesselte Gast-Star Udo Kier: Er steckt offenbar noch in seiner Rolle als Nazi-Führer vom Mond in «Iron Sky» fest; die Science-Fiction-Parodie läuft derzeit im Kino.

 

Trockener Witz aus drei Perspektiven

 

Diese aberwitzige Satire auf Modernisierungs-Konflikte wird aus drei Perspektiven konstruiert: der farbigen Erzählung der Hauptfigur Kwok Yun, den Ermittlungen eines Parteifunktionärs – schwarzweiß wie seine Klassifizierung der Dorfbewohner gemäß ihrer KP-Treue – und einer Reihe von Foto-Momentaufnahmen.

 

Ironische Kommentare stecken im Detail: etwa im (buchstäblichen) Amts-Chinesisch der Partei-Kader oder der zurückhaltenden Spielweise der Laien- und Profi-Darsteller. Ihre Komik ist so trocken und dead pan, dass kaum deutlich wird, dass der Film eine Komödie sein soll.

 

Amerika sieht aus wie Udo Kier

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ mit Udo Kier

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Ai Weiwei in New York“  seiner Fotografien 1983-1993 im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über das PR-Desaster der deutschen Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ in Peking

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Der chinesische Lustgarten“ mit klassischer Erotika im Museum für Asiatische Kunst, Berlin

Andere Unklarheiten lösen sich allmählich auf: Das träumerisch-poetische Ende ist ebenso eindeutig wie der höfliche Spott über die Partei und die Sympathie für das Ursprüngliche des Dorfes. Wobei für Nicht-Sinologen sicher ein Drittel des Humors und mehr als die Hälfte der feinen Andeutungen und Symbole unverständlich bleiben.

 

Etwa der Gefühls-Haushalt der Hauptfigur sowie die unbegründete Fixierung des Dorfes auf die Vereinigten Staaten in einem Landstrich, in dem keine Spur von US-Kultur existiert, die irgendeine Sehnsucht auslösen könnte. Und dann kommt Amerika und sieht aus wie Udo Kier.

 

Zwischen Hybris und Hysterie

 

Der Film gibt allerhand Nüsse zu knacken: Seine verschachtelte Erzählweise und die Bilder hallen länger nach. Ein Prüfstein für die europäische Sichtweise, die Chinas Aufstieg mit einer Mischung aus Neid und Opportunismus beobachtet und dabei auf die Verwestlichung der Chinesen hofft. Dieser Haltung zwischen Hybris und Hysterie erteilt die Regisseurin einige Lektionen.

 

Dennoch macht «UFO In Her Eyes» für eine Komödie erstaunlich wenig Spaß. Befreiendes Lachen durch Kenntnis gewisser Codes oder Komplizenschaft mit dem Erzähler bleiben zwischen den vielen Zeit-, Raum- und Perspektiv-Sprüngen auf der Strecke – und der Erkenntnisgewinn fällt nicht besonders hoch aus.


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