Berlin

Upon Paper

Rinus van de Velde: The artist and his tutor 1949, Kohlezeichnung, 2011. Foto: © Rinus van de Velde/ Uponpaper.com

Die Zeitschrift als Kunstwerk: Ein neues Kultur-Magazin im Riesen-Format macht es seinen Lesern nicht leicht. Was nicht auf die XXL-Seiten des Hefts passt, wird im Projektraum gezeigt – oder auf der Website.

Gäbe es für dieses Papierformat eine DIN-Norm, läge sie irgendwo zwischen DIN A 1 und DIN A 2. Doch «Upon Paper» fällt völlig aus dem Rahmen – in jeder Hinsicht. Angefangen bei der Seitengröße von 49 mal 69 Zentimetern über die halbjährliche Erscheinungsweise bis hin zum Inhalt: einer verwegenen Mischung rund um das jeweilige Thema – «Los Angeles» in der ersten Ausgabe.

 

Info

Planet L.A.

 

04.04.2012 – 26.05.2012
dienstags bis samstags 12 – 18 Uhr im Upon Paper space, Max-Beer-Straße 25, Berlin


Website zu Zeitschrift + Ausstellung

Die Bögen sind so schwer, dass sie nicht geheftet werden müssen: Ein einfacher Bindfaden hält sie zusammen. Da bietet sich an, Doppelseiten herauszunehmen und an die Wand zu hängen. Wer das nicht will, belässt die 80 Seiten in ihrer Papp-Box, in der sie ausgeliefert werden.

 

Was mit Papier möglich ist

 

Zum Stückpreis von 49,80 Euro bei einer Auflage von 5000 Exemplaren. Deren Absatz kaum die Kosten decken dürfte: Die Zeitschrift wird vom Künstlerpapier-Hersteller Hahnemühle FineArt unterstützt. Dessen Ehrgeiz, zu zeigen, was auf hochwertigem Papier alles möglich ist, springt den Leser auf jeder Seite an.


Interview mit Chefredakteur Holger Homann und Impressionen der Ausstellung


 

Zartes Grau erschwert Lektüre

 

Mal füllt eine Abbildung das ganze Blatt, mal verlieren sich kleine Motive und grafische Elemente in strahlendem Weiß. Essays auf Englisch und Deutsch von Sofia Coppola oder Karl Lippegaus und Interviews etwa mit Doug Aitken oder Christian Boros wechseln wild die Schriftgrößen; dass viele Passagen in zartem Grau gehalten sind, erleichtert die Lektüre nicht.

 

Dennoch versteht sich «Upon Paper» keineswegs als Hochglanz-Magazin, das nur durchgeblättert werden will. Eng auf einer Seite gesetzte Texte zwingen zur Konzentration. Im Stehen oder Liegen: Andernfalls lassen sich die Bögen kaum umschlagen. Fast möchte man Handschuhe anziehen, um die hochwertige Druckqualität nicht zu ruinieren.

 

Luxus-Artikel des technisch Machbaren

 

Diese Zeitschrift ist ein Luxus-Artikel. Der es Künstlern erlaubt, bis an die Grenzen des technisch Machbaren zu gehen: Ralf Ziervogel steuert eine doppelseitige Zeichnung bei, deren filigrane Punkte gerade noch wahrnehmbar sind. Und dem Team um Chefredakteur Holger Homann gestattet, alle Beiträge in jedem gewünschten Layout erscheinen zu lassen – sofern die Druckerei noch mitspielt.

 

Was selbst im Riesenformat der Zeitschrift keinen Platz findet, wird im «Upon Paper space» ausgestellt. Der Projektraum zeigt Original-Arbeiten, deren Reproduktionen das Magazin füllen, und Objekte, die sich auf zweidimensionaler Fläche kaum darstellen lassen. Etwa ein Kleid von Dries Van Noten, bedruckt mit einem Motiv von James Reeve.

 

Eckfenster-Foto in der Zimmer-Ecke

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Pacific Standard Time“ über Kunst in Los Angeles 1950 – 1980 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

Dessen nächtliche Aufnahmen von Fassaden und Stadt-Landschaften aus der Vogelschau glänzen mit sattem Schwarz, aus dem der helle Widerschein von Fenstern und Laternen wie heraus gestochen erscheint – derlei lässt sich nicht auf Papier bannen. Veronika Kellndorfers zweiteilige Fotografie eines Eck-Fensters im «Freeman House» von Frank Lloyd Wright hängt in der Zimmer-Ecke – ein einfacher, dennoch verblüffender Trompe-l’œil-Effekt.

 

Ergänzt wird dieses Portfolio aus Blickfängen und Überraschungs-Momenten durch eine Website. Sie soll wöchentlich aktualisiert werden; ansonsten legt sie sich auf gar nichts fest: «Hier ist die Zeit irrelevant: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erhalten den gleichen Status». Bleibt abzuwarten, ob das auch für dieses kühne Unterfangen gilt.


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