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Barbara Kruger: Untitled ARTandPRESS, 2012; Vinyl-Druck. Foto: Stefan Korte/ MGB

ART and PRESS – Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit.


Mit freundlicher Unterstützung von RWE und BILD: Eine Mammut-Schau im Martin-Gropius-Bau beleuchtet das Verhältnis von Kunst und Presse. Als Hochglanz-Journal – neben prächtigen Bild-Strecken machen sich geistvolle Inhalte rar.


Wir sind Zeugen eines wirtschaftshistorisch einmaligen Phänomens: Erstmals ruiniert sich eine Branche selbst, indem sie ihre Produkte einfach verschenkt. Seitdem die Presse fast alle Artikel kostenlos online verfügbar macht, fehlt ökonomisch jeder Anreiz, für die Druck-Ausgabe zu bezahlen – obwohl gute Beiträge Zeit und Geld kosten.

 

Info

ART and PRESS –
Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit.

 

23.03.2012 - 24.06.2012
täglich außer dienstags von 10 bis 19 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Katalog 29,90 €,
im Handel 34 €

 

Website zur Ausstellung

 

15.09.2012 - 10.03.2013
mittwochs bis freitags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM, Lorenzstr. 19, Karlsruhe

 

Weitere Informationen

Mit dieser selbstmörderischen Geschäfts-Strategie, der viele Periodika zum Opfer fallen werden, droht mehr verloren zu gehen als nur Meinungs-Vielfalt und Qualitäts-Anspruch. Die Presse ist in modernen Demokratien die vierte Staats-Gewalt – wohlgemerkt: die Presse, nicht die Medien insgesamt.

 

Keine Öffentlichkeit ohne Presse

 

Die Presse versorgt nicht nur die Öffentlichkeit mit Nachrichten; sie erzeugt selbst den öffentlichen Raum. Zeitungen und Zeitschriften schaffen Öffentlichkeit, weil in ihnen kluge Köpfe über den Gang der Ereignisse und ihre Bedeutung nachdenken und debattieren.

 

Nirgends lassen sich so viele Informationen auf engstem Raum bündeln wie auf den Seiten von Periodika – und so rasch aufnehmen. Zeitungs-Leser erfahren mit ihrem zerstreuten Blick, der von Überschrift zu Überschrift und Absatz zu Absatz springt, in kurzer Zeit wesentlich mehr als Rezipienten elektronischer Medien – inklusive Internet.

Impressionen der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau

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Finden, was man nicht gesucht hat

 

Zudem zwingt gedruckte Schriftsprache zur Genauigkeit; wer schreibt, der bleibt, und kann für seine Behauptungen haftbar gemacht werden. Schließlich überrascht die Presse mit ihrer Auswahl von Beiträgen die Leser: Sie erfahren Neuigkeiten, von denen sie nichts ahnten.

 

«Im Internet finde ich, wonach ich suche. In der Zeitung finde ich, wonach ich nicht gesucht habe», stellt Tissy Bruns fest, Chef-Korrespondentin des «Tagesspiegel»: Presse erweitert den Horizont. Damit wird sie zur notwendigen Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie: Ohne gut informierte Bürger keine verantwortungsvollen Entscheidungen.

 

RWE sorgt für prachtvolle Präsentation

 

Die drohende Verarmung und Verödung der Presse-Landschaft bildet den Kontext, in dem die Ausstellung das Verhältnis von Kunst und Presse betrachtet. Veranstalter ist die «Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn»: ein rheinischer Honoratioren-Klub mit besten Verbindungen zur Wirtschaft.

 

Hauptsponsor von «ART and PRESS» ist der Energie-Konzern RWE, der für eine prachtvolle Präsentation sorgt; Medien-Partner der Schau die BILD-Zeitung. Auch Europas auflagenstärkste Zeitung mit täglich drei Millionen Exemplaren leidet unter Käufer-Schwund: früher waren es mehr als fünf Millionen.

 

Fünfwöchige BILD-Serie über 25 Künstler

 

BILD hat 25 der 56 teilnehmenden Künstler in einer fünfwöchigen Serie vorgestellt. Naserümpfen über vermeintliche Boulevardisierung der Kunst wäre unangebracht: Immerhin haben Millionen von Lesern eine Auswahl zeitgenössischer Künstler kennen gelernt, die vermutlich Ausstellungen eher selten aufsuchen. BILD erreicht mehr Menschen als alle deutschen Museen zusammen.

 

Die Schau im Martin-Gropius-Bau, die danach ins ZKM Karlsruhe wandert, ist zweigeteilt: Im ersten Stock sind Gemälde aus dem 19. Jahrhundert und der klassischen Moderne samt Hintergrund-Infos zu sehen – auf interaktiven Multimedia-Stationen. Die vorgeführten Werke thematisieren weniger die Presse als vielmehr ihre Konsumenten: Bilder von Zeitungs-Lesern als reizvolle Unter-Gattung der Malerei.

 

Revolutionäres Genre-Bild von 1843

 

Sie zu verstehen fällt heutigen Betrachtern nicht leicht. Ein betulich wirkendes Genre-Bild wie die 1843 entstandene «Lesegesellschaft» von Johann Peter Hasenclever birgt politischen Sprengstoff: Die kauzigen Provinz-Notabeln, die sich im Funzel-Licht über Bleiwüsten beugen, studieren republikanisch gesinnte Blätter – im Biedermeier war das revolutionär.

 

Kiefer-Installation wie Theo-Sommer-Artikel

 

Solche eindeutig Partei ergreifenden Positionen sucht man im Erdgeschoss vergeblich: Meist greifen die Werke allgemeine Aspekte von Presse auf. Dabei setzen die Kuratoren fast ausschließlich auf berühmte Namen von Beuys bis Warhol; BILD-Leser sind auf Stars abonniert. Ein Dutzend zeitgenössischer Künstler hat eigens Arbeiten für diese Ausstellung angefertigt; RWE macht’s möglich.

 

Im Lichthof breitet Anselm Kiefer eine seiner bleiernen Riesen-Installationen aus: Das Ensemble aus still stehenden Druck-Maschinen überwuchern versteinerte Sonnenblumen. Begreift man die Schau selbst als Zeitung, wäre dies quasi ein ZEIT-Leitartikel alten Typs etwa von Theo Sommer: ellenlang, gedankenschwer, tief schürfend und ziemlich folgenlos.

 

Kasperle-Theater aus Österreich

 

Von Pop-Artisten wie Andy Warhol und Robert Rauschenberg werden geläufige Foto-Drucke und Collagen gezeigt, von manchen Altmeistern der Gegenwart Erwartbares: Dass Günther Uecker seine Nägel auch in Zeitungs-Stapel geschlagen hat, verwundert kaum. Ebenso wenig, dass Jenny Holzer provokative Schlüssel-Begriffe über LED-Leuchtbänder laufen lässt – wie immer.

 

Viele Gast-Autoren liefern eher uninspirierte Beiträge ab. Robert Longo kopiert zahllose Presse-Fotos mit Kohle; in diesem Bilder-Gewitter wird dem Betrachter schwarz vor Augen. Erwin Wurm kaspert mit Gratis-Zeitungen herum; sein österreichischer Landsmann Franz West vermanscht sie zu Pappmaché-Kugeln; zwei unfreiwillig komische Kommentare zur Güte der dortigen Presse.

 

Spiegel-Kabinett der Einfallslosigkeit

 

Marlene Dumas malt Fotos der Mauer ab, mit der sich Israel gegen Palästina abschottet; diese betongrauen Leinwände erschlagen den Besucher. Jonathan Messe pflastert mit rotzig-großmäuliger Phrasen-Drescherei die Wände. Sein Kabinett ist quasi die Schmuddel-Ecke der Schau; hier wird für Anrüchiges geworben wie im Kleinanzeigen-Teil für Wundermittel und Massage-Salons.

 

Gilbert & George tragen Schlagzeilen britischer Boulevard-Blätter zusammen und fetten ihre Reizworte: ein Spiegel-Kabinett ihrer Einfallslosigkeit im XXL-Format. Barbara Kruger hat Berichte über Immigration und Fremdenfeindlichkeit gesammelt, womit sie einen Raum auskleidet: gut gemeint, sattsam bekannt und auf wohlfeile Entrüstung setzend.

 

Zeitschriften-Titel als Perser-Teppiche

 

Als Publikation betrachtet, ähnelt diese Ausstellung also einer stinknormalen Zeitungs-Ausgabe: wenig Neues, noch weniger Originelles, aber viele Zweit- und Dritt-Aufgüsse, die mit üppiger Aufmachung um Aufmerksamkeit buhlen. Wer darin nicht nur flüchtig blättert, sondern konzentriert liest, kann aber hinter Balken-Buchstaben zwischen den Zeilen Bemerkenswertes entdecken.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Kritik der Ausstellung "Jack Freak Pictures" von Gilbert & George in den Deichtorhallen, Hamburg

 

und hier eine Rezension der Werkschau von Robert Longo in der Kunsthalle Weishaupt, Ulm

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Private Wurm" von Erwin Wurm im Essl Museum, Klosterneuburg bei Wien.

 

Der Iraner Farhad Moshiri hat das überbordende Angebot eines Zeitschriften-Stands als Perser-Teppiche nachweben lassen. In seinem «Kiosk de curiosité» liegen nun handgeknüpfte Titel-Seiten von «Gala», «Popcorn», «Vogue» und «Newsweek» neben arabischen Magazinen; ein schillerndes Panoptikum aus Marktschreierei, culture clash und globaler Hochglanz-Optik, so vielseitig und –schichtig wie eine ausführliche Auslands-Reportage.

 

Pilot-Ausgabe fehlt roter Faden

 

Der britische Künstler Adam McEwen formuliert fingierte Nachrufe auf lebende Prominente wie Bill Clinton, Jeff Koons oder Kate Moss. Damit beleuchtet er nicht nur die makabre Praxis, solche Texte aus der Schublade zu ziehen, sobald der jeweilige VIP stirbt, sondern auch ihre Beliebigkeit: one phrase fits all.

 

Was für die Aufmachung des ganzen Unternehmens gilt. Bei einer Blatt-Kritik kämen die Kuratoren der Schau wohl zum Fazit: Als Pilot-Ausgabe ist «ART and PRESS» verschwenderisch illustriert und ansprechend layoutet, doch thematisch fehlt ein roter Faden; geistvolle und –reiche Inhalte sind dünn gesät. Für langfristige Leser-Bindung müsste ein Relaunch her.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 27.05.2012





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