Athina Rachel Tsangari

Attenberg

Genüßlich das Gefieder spreizen: Bella (Evangelia Randou, li.) und Marina (Ariane Labed) vergnügen sich mit der Imitation von Vogel-Arten. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 10.5.) Gefühls-Autismus ist heilbar: Die isolierte junge Griechin Marina guckt Tier-Dokus, beerdigt Papa und lässt sich von einem Ingenieur entjungfern. Ein kruder Film-Kommentar zur griechischen Dauerkrise.

«Attenberg» heißt eigentlich Sir David Attenborough. Er dreht Dokumentarfilme über die Tierwelt, die sich die junge Griechin Marina (Ariane Labed) häufig ansieht. Aus ihnen bezieht sie ihr Wissen über die Außenwelt, doch richtig verstanden hat Marina die Dokus offenbar nicht. Stattdessen imitiert sie gern Tier-Bewegungen.

 

Info

Attenberg

 

Regie: Athina Rachel Tsangari, 95 min., Griechenland 2010;
mit: Ariane Labed, Evangelia Randou, Vangelis Mourikis

 

Weitere Informationen

Marina versteht so einiges nicht; etwa, wozu und wie Menschen sich küssen. Wenn ihre einzige Freundin Bella (Evangelia Randou) es ihr beizubringen versucht, ekelt sich Marina vor deren Zunge: die fühle sich an wie eine Nacktschnecke. Ihren gebildeten Vater (Vangelis Mourikis) mag sie auch nicht fragen: Der gibt nur dunkle Aphorismen von sich und ist außerdem unheilbar an Krebs erkrankt.

 

Das Trio lebt im Schatten eines rostigen Industrie-Kombinats irgendwo an der griechischen Küste. Marina arbeitet gelegentlich als Fahrerin, die Geschäftsreisende hinbringt und abholt. Ihr neuer Fahrgast, ein namenloser Ingenieur (Yorgos Lanthimos), hat es ihr angetan.

Offizieller Film-Trailer


 

Welt voller maulfauler weirdos

 

Beide sind Fans der obskuren US-New-Wave-Band «Suicide», deren monotonen Electro-Blues Marina ständig hört. Das macht sie an: Der Ingenieur darf ihr die Freuden menschlichen Liebesspiels beibringen. Derweil stirbt Papa; Marina organisiert seine Verbrennung im Ausland und streut anschließend die Asche ins Meer.

 

Klingt zusammenhanglos abstrus und sieht auch so aus: Regisseurin Athina Tsangari bemüht allerlei bizarre Versatzstücke. Die kafkaeske, anfangs durchaus dichte Endzeit-Stimmung ermüdet schnell, weil nichts erklärt oder motiviert wird: Ihre Welt ist von kontaktgestörten, maulfaulen weirdos bevölkert, na und?

 

Trotziger Backfisch trägt den Film

 

Welche Charakterzüge oder dramaturgische Funktion ihre Figuren haben, bleibt in der Privatmythologie der Regisseurin verborgen. Was die schräge coming of age-Story eines isolierten Teenagers schwer erträglich machte, würde der Film nicht von seiner Hauptdarstellerin getragen: Ariane Labed spielt die Spätzünderin, die sich zögerlich auf ihre Mitmenschen einlässt, mit der unterdrückten Wut eines trotzigen Backfischs.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Damit haucht sie dieser blutleeren Kopfgeburt ein wenig Seele ein – wofür sie bei der Venedig-Biennale 2010 als beste Schauspielerin prämiert wurde. Ansonsten verwundert, auf wie vielen Festivals dieses Machwerk bereits lief. Man mag aus ihm allerlei Symptome der griechischen Dauerkrise herauslesen: Wenn dieser Film ein Meisterwerk des dortigen Autoren-Kinos sein soll, dann ist Griechenland tatsächlich geistig und moralisch bankrott.


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