Peter Călin Netzer

Ehrenmedaille

Das blecherne Objekt der Begierde: Ion I. Ion (Victor Rebengiuc) betrachtet seine Kriegs-Auszeichnung. Foto: debese.film

(Kinostart: 3.5.) Vom dankbaren Vaterland: Ein Rentner in Bukarest bekommt 1995 einen Kriegs-Orden – ohne zu wissen, wofür. Seine karg-dezente Hochstapler-Satire erweitert Regisseur Netzer zum Sittenbild der rumänischen Gesellschaft.

Späte Anerkennung: Dem Rentner Ion I. Ion (Victor Rebengiuc) wird 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Ehrenmedaille verliehen. Die Auszeichnung kommt ihm zupass: Weder seine Frau Nina (Camelia Zorlescu) noch sein in Kanada lebender Sohn Cornel (Mimi Branescu) reden noch mit ihm, da er dessen Fluchtpläne kurz vor dem Ende der Ceausescu-Diktatur an die Securitate verriet.

 

Info

Ehrenmedaille -
Medalia de onoare

 

Regie: Peter Călin Netzer, 104 min., Rumänien/ Deutschland 2009;
mit: Victor Rebengiuc, Camelia Zorlescu, Mimi Branescu

 

Weitere Informationen

Dummerweise kann sich Ion an seine Heldentat als Soldat nicht erinnern. Er blättert in vergilbten Feldpost-Briefen und trifft sich mit alten Kriegs-Kameraden, bis er des Rätsels Lösung findet: Im Kampf gegen die Wehrmacht hatte er aufs Geratewohl ein verlassenes Geschütz abgefeuert – und offenbar eine wichtige Stellung getroffen. So muss es gewesen sein.

 

Wärmere Wohnung vom Präsidenten

 

Diese Version wiederholt der grantelnde Pensionär, bis er sie selbst glaubt. Wie alle anderen: Der frischgebackene Kriegs-Held wird zum Liebling der Kinder, denen er von seinen Front-Erlebnissen erzählt, und zum Vorzeige-Mieter seines Hochhauses in Bukarest. Als er zum 50. Jahrestag des Kriegs-Endes mit anderen Veteranen vom Staatspräsidenten empfangen wird, gelingt es ihm, eine bessere Beheizung seines klammen Wohnblocks zu erwirken.


Offizieller Film-Trailer, englisch untertitelt


 

Ersatz vom Militaria-Händler

 

Nach wenig ruhmreichem Berufsleben steigt Ions Ansehen unaufhörlich – bis ihm das Verteidigungsministerium einen Brief schickt: Man hat ihn verwechselt; der Orden steht einem Anderen zu. Unser Held kämpft wie ein Löwe um seine Medaille, doch vergeblich: Bald ist er das Blech am Bande wieder los.

 

Damit steht der Familien-Frieden auf dem Spiel: Sohn Cornel kommt endlich zum lang erwarteten Heimat-Besuch bei den Eltern. Wie kann er ihm unter die Augen treten? Da hilft nur noch der Gang zum Militaria-Antiquitätenhändler.

 

Geschichte ist, was Vorteile gewährt

 

Seine satirische Tragikomödie inszeniert der deutsch-rumänische Regisseur Peter Călin Netzer, indem er sich ganz auf die Hauptfigur konzentriert. Deren Auf- und Abstieg reichert er mit allerlei Motiven an: So erweitert Netzer das Porträt eines Ruheständlers, der sich nach Anerkennung sehnt, zum Sittenbild der rumänischen Gesellschaft Mitte der 1990er Jahre.

 

Ihre Fixierung auf die Vergangenheit wird ebenso mit dezentem Spott bedacht wie ihr willkürlicher Umgang damit: Als erlebte Geschichte gilt, was in der Gegenwart zu Vorteilen verhilft. Wobei über Wahrheit und Lüge die schlampige Staatsmacht entscheidet: Ein Tippfehler befördert den Nobody zum Helden, die Korrektur stößt ihn ins soziale Aus zurück.

 

Verständnis für Veteranen

 

Hintergrund

Weitere Informationen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des rumänischen Spielfilms “Police, adjective” von Corneliu Porumboiu.

Dennoch würde dieses karge Kammerspiel etwas zäh geraten, wäre es nicht mit Victor Rebengiuc besetzt. Der rumänische Publikums-Liebling verleiht der Hauptrolle alle denkbaren Nuancen: Eben noch trat er als renitenter Rechthaber auf, der seine Privilegien verbissen verteidigt – nun erscheint er als harmoniebedürftiger Opa, der um die Sympathie seiner Familie buhlt.

 

Am Ende empfindet man fast Mitleid mit dem enttarnten Hochstapler, der seine früheren Fehltritte krampfhaft überspielen will. Und bringt mehr Verständnis für all die Veteranen-Vereinigungen auf, die mit Petitionen und Protest-Noten auf ihre verblassten Leistungen pochen: ein herzenskluger Beitrag zur Aussöhnung der Generationen.


Diesen Artikel drucken